Charlotte Balke - Aufzeichnungen einer Senzigerin


Kindheit

Am 7. Oktober 1902 heirateten meine Eltern in Berlin. Aber schon bald zogen wir nach Niederlehme. Vater war "Herrschaftlicher Kutscher" bei der Familie Degener. Wir lebten bescheiden, denn Vaters verdienst war gering. Als Selbstversorgerbrauchten wir nur wenig Lebensmittel zu kaufen. 1 Hering kostete nur 5 Pfennige, er musste aber für die ganze Familie reichen, dazu gab es trockene Pellkartoffeln. Als meine Großmutter 1913 starb gab es Streuselkuchen, daran und an den offenen Sarg erinnere ich mich noch genau.

Später zogen wir nach Königs Wusterhausen. Mein Vater bekam eine Anstellung als Kutscher in der Fourage Handlung Krause, Storkower Straße. 1915 wurde mein Vater zu den Funkern als Fahrer im 1. Weltkrieg eingezogen. Mit 11 Jahren musste ich viele Pflichten im Haus übernehmen. Wischen, putzen, meine Schwester beaufsichtigen, denn Mutter musste arbeiten gehen, um uns zu ernähren. Während des Krieges sammelten wir Taubnesseln. Diese wurden gebündelt, wie in Garben zum Trocknen aufgestellt. Sie sollten Ersatz für Baumwolle sein. Aus Kohlrüben kochten wir Marmelade. An Lebensmittelkarten kann ich mich aber nicht erinnern. In der Schule war ich gut, gehörte zu den Ersten. Während des Unterrichts strickten wir oft Strümpfe für die Soldaten an der Front. Im März 1919 kam mein Vater aus russischer Gefangenschaft zurück. In Berlin kämpften schon die Soldaten und Matrosen gegeneinander, es war Revolution.

Vater arbeitete wieder als Kutscher, er ernährte recht und schlecht seine Familie. Im Mai 1929 starb er an Magenkrebs.

 

Jugendjahre

Mein Berufswunsch war es, Verkäuferin zu werden. Zuerst arbeitete ich aber als Küchenhilfe, da meine Eltern keine Lehrstelle für mich bekamen.

Doch schon nach wenigen Tagen durfte ich im verhandenen Laden verkaufen, Gäste bedienen. Mein Traum war so schnell in Erfüllung gegangen. Es war einfach herrlich, frische Brötschen, Butter und Konfitüre zu servieren.

Im Frühjahr 1920 demonstrierten Arbeiter auf den Straßen von Königs Wusterhausen. Es kam zum Kap-Putsch, es hat sogar Tote und verletzte bei auseinandersetzungen gegeben.

Im April 1920 konnte ich als Lehrling im Kaufhaus der Firma Bergmann meine Ausbildung zur Verkäuferin beginnen. Mein Lehrherr war streng, aber gerecht. Sein Ausbildungsmotto war:" Verlangt der Kunde ein Paar Schnürsenkel, muss er mindestens den Wert von einem Paar Hosenträger gekauft haben". Als Lehrling verdiente ich 20,- Mark im Monat. Mein Chef war Jude, er hatte ein gutes Verhältnis und Verständnis für die Sorgen seiner Angestellten. Allerdings verlangte er auch Sorgfalt und Genauigkeit von uns bei der Arbeit.

Ab März 1921 gegann die Inflation. Für meine 20 Mark konnte ich mir mal gerade ein Taschentuch kaufen. Doch es kam noch schlimmer. Bald reichten 100 Billionen Mark nicht mehr zum Einkaufen. Es war eine sehr Schwere und traurige Zeit, jeder kämpfte ums Überleben. Ich erinnere mich an ein älteres Ehepaar, die ihr ganzes gesparte Geld in einem Koffer brachten und dafür nur 5 Sterne Zwirn erwerben konnten. Die entsetzten, trostlosen und enttäuschten Gesichter habe ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen.

Unser Chef war mit unserer Arbeit stets zufriden, so bekamen wir auch außerhalb unseres Gehaltes Extrazuwendungen, über die wir uns freuten. Zur Kundschaft gehörten auch viele Senziger. Neben vielen anderen, bediente ich auch damals schon meinen späteren Mann. Doch erst bei einem Sängerfest im Casino Wildau wurde ich seine Tanzpartnerin und Freundin. 1927 wollten wir heiraten. In diesem Jahr begann die große Arbeitslosigkeit. Viele Firmen hatten die Inflation nicht überstanden, Arbeiter wurden in Massen entlassen. Ich selbst hatte großes Glück, da ich als Verkäuferin in Brot und Lohn stand. 1930 haben wir geheiratet.

 

Ehe-, Berufs- und Kriegsjahre

Mit den Eltern, oder den Schwiegereltern zusammen zu wohnen, empfand ich nicht als günstig. Trotz des geringen Verdienstes wurde fleißig gespart und darum konnte ein Eigenheim gebaut werden.

Mein Schwiegervater lief mit einer Karre "Teltower Rübchen" bis Berlin-Rudow zu Fuß. Dabei verdiente er ganze 3,- Mark. Dennoch, die Zeit blieb nicht stehen, es ging weiter.

Als Verkäuferin hatte ich ja eine feste Anstellung. Mein Chef schlug vor, dass ich gemeinsam mit meinem Mann in Senzig ein Filialgeschäft eröffnen solle. So eröffneten wir in Senzig in der Chausseestraße 39 "unseren" Laden. Das Sortiment waren Kurzwaren, Stoffe und Konfektionswaren. Durch eigene Handarbeiten, die ich auch in den Verkauf brachte, konnte ich den Kundenkreis erweitern.

Bis 1927 war die Bebauung in Senzig noch gering. Erst später setzte eine enorme Besiedlung des Ortes ein. Die Bauern verkauften Teile ihrer Länderein an Siedlungsgesellschaften. Viele Berliner wollten sich in dem als Seebad angepriesenem Senzig niederlassen, viele von ihnen insbesondere zu Erhohlungszwecken. So schossen die Lauben und Wochenendbebauungen wie Pilze aus dem Boden, dies besonders in den Ortsteilen Siedlung Krüpelsee und auch in Waldesruh.

Ende der 20iger Jahre, Anfang der 30iger Jahre ging es wirtschaftlich voran. Die in Senzig errichtete Kalksandsteinfabrik und die Ziegelbrennerei gaben Arbeit. Es wurde sogar geplant, eine Eisenbahn zu bauen, die durch Senzig führen sollte. Es soll daran gescheitert sein, dass einige Bauern dafür kein Land verkauften. Das Transportproblem für die beiden Werke wurde ausschließlich über den Wasserweg abgewickelt. Dadurch wurde auch die heutige Seebrücke als Verladerampe gebaut.

Auch das Geschäftsleben begann in Senzig seinen Aufschwung. Es gab einen Zahnarzt, Dr. Druwe, einen praktischen Arzt, Dr. Dienemann. Es gab eine Schlächterei, Buggisch, in der Lindenstraße, Schlächter Griess in der Chausseestraße, einen Tabak- und Schreibwarenladen, Grüneberg, einen Tabakwarenladen, Thiering, das Seifengeschäft Kulke und den Kohlenhandel Lehmann. Das Geschäft der Familie E. Schmohl versorgte ganz Senzig mit allen nötigen Dingen des täglichen Lebens.

Es gab die Tischlerei der Familie Hans Schmohl und auch die Bäckerein Scharfenberg und Wetzel sowie eine Konditorei und Cafe Senzig hatte sogar eine Dampferanlegestelle. Es gab natürlich noch weitere Lebensmittelhandlungen, eine ganze Reihe von Gaststätte, eine Gärtnerei, Friseure, Klempnerei, Schmiede, einen Wirtschaftswarenladen und noch eine ganze Reihe mehr von Geschäftsleutenund kleineren Unternehmern. Es ging als nach der Weltwirtschaftskrise zusehends aufwärts.

Schon früh, etwa Ende der 20ziger Jahre wurde eine Busverbindung Senzig/Bindow eingerichtet. In der Nähe des Dorfteiches gab es das Lehngut, umgeben von den tausendjährigen Linden. Leider waren sie schon so als, dass sie eine Gefahr wurden und abgenommen werden mussten. Es gab schon ein Taxiunternehmen in Senzig. Herr Raspiller fuhr mit dem ersten Reisbus die schönsten Tagesreisen.

Durch die Siedler, die sich in Senzig niederließen, meist Berliner, die sich in Ferien und am Wochenende in der schönen Natur des Brandenburger Landes erholen wollten, stieg die Einwohnerzahl des Ortes schnell auf etwa 1.000 Einwohner.

Die Arbeitslosigkeit war ein drückendes Problem der Zeit, dass sich auch in Senzig bemerkbar machte. Das Geld wurde knapp, die allgemeine Kaufkraft ließ nach. In dieser schwierigen Situation hatte es ein Hitler recht leicht, an die Macht zu kommen.

Nach acht Jahren Ehe wurde unser erster Sohn geboren.. Es war äußerst schwierig, ihn groß zu ziehen in dieser schweren Zeit. Es gab Komplikationen und fast unüberwindliche Probleme. Dank intensiver Pflege und Betreuung wurde er kräftiger und gedieh.

Durch den begonenen Krieg 1939 mit Polen, der nur als Blitzkrieg propagiert wurde, aber erst 1945 als Weltkrieg endete, mussten wir auf elementare Lebensbdürfnisse verzichten. Während des Fliegeralrms wurde unsere Tochter 1940 geboren. Wir bezogen eine Wohnung, drei Hotelzimmer, die uns Herr Gärisch vermietete. Die Räume benutzten wir als Küche, Wohnzimmer und Schlafzimmer. Es gab weder Bad noch Toilette, beides war auf dem Hof. Im Keller gab es eine Waschküche, aber ohne Wasseranschluss und ohne Abfluss.

Die Geschäfte waren damals von 8 - 19 Uhr geöffnet, Sonnabends bis Mittag, Sonntags bis 11 Uhr.

Das Hitlerregime wurde immer unerträglicher. Keiner durfte seine Meinung äußern, sofort wurde er dann denunziert bei der Gestapo und endete im Knast. Selbst in der eigenen Familie fehlte das Vertrauen. Vor den jüdischen Geschäften standen Posten, um zu verhindern, dass dort eingekauft wurde. Große Schwierigkeiten hatten wir, da wir noch mit meinem Chef, einem Juden, zusammenarbeiteten. Nachdem mein Chef von den Nazis völlig ruiniert und abgeholt wurde, mussten wir uns anderweitig Geschäftsverbindungen suchen. Viel müsste hier, an dieser Stelle über die Judenverfolgung und Vernichtung gesagt werden, doch das ist wohl bekannt und es kann hier darauf verzichtet werden.

Durch Krankheit und Not Not der Kinder bedingt, fuhren wir 1942 zur Kur ins Riesengebirge. Glücklicherweise hatte die Kur einen guten Erfolg und die Kinder wurden gesund.

In Senzig fielen die ersten Bomben. Nenneswerte Verluste gab es glücklicherweise nicht, da ein Großteil der Bomben in den See fiel.

Trotz Krankheit musste mein Mann 1943 seinen Wehrdienst als Matrose antreten. Nach Krankheit und Lazarett und nach verschiedenen schweren Kriegseinsätzen und Gefechten kam er in Gefangenschaft.

Auch zu Hause, also in Senzig, ging es uns schlecht, wir hatten unter dem Kriegsgeschehen viel zu erleiden. Die Versorgung war schlecht, Krankheit und Not waren an der Tagesordnung. 1943 sollte unser kleines Geschäft geschlossen werden. Doch mein Widerspruch hatte Erfolg.

Im Februar 1945 erhielt ich die letzte Post von meinem Mann. Durch Luftangriffe auf Berlin mussten auch wir täglich in den Bunker, um in Sicherheit zu sein. Flüchtlinge kamen immer mehr ins Dorf. Die letzten Kriegswochen waren ein Chaos und Durcheinander. Deutsche Soldaten waren auf der Flucht. Es gab die letzten Versuche des SS, dem bevorstehendenKriegsende noch eine Wendung zu geben. Am 25.4.1945 marschierten die ersten Russen in Senzig ein.

 

Nachsatz: Von 1998 bis 2008 veröffentlichte der in diesem Zeitraum bestehende Heimatverein Senzig e.V., in loser Folge eine Publikation unter dem Titel "Wir graben aus!". In diesen Publikationen habe ich die, wahrscheinlich ausschnittsweise wiedergegebenen Aufzeichnungen der 1904 geborenen Senzigerin Charlotte Balke gefunden und hier zusammengeführt. Die Aufzeichnungen brechen 1945 ab. Unterzeichnet sind die Aufzeichnungen vom ehemaligen Mitglied des Heimatverein Senzig e.V., Herrn Horst Schabbel.