Tagebuch Hanneliese Henow - 1945

Die Senzigerin Hanneliese Henow (13.05.1925 - 08.03.2014), hat über Ereignisse in Senzig und Umgebung sowie über Schicksale von Senzigern, in der Zeit vom 20. April 1945 bis zum 11. Dezember 1945 in Senzig ein Tagebuch geführt.

Fr. 20. April 1945
Am Freitag, dem 20. April, hatten wir das letztemal Tagesalarm. Amerikanische Bomber griffen die Reichshauptstadt an. Am Abend kamen englische Bomber und sowjetische Tiefflieger. Vom Kellerausgang her sah ich auch russische Doppeldecker, die verhältnismäßig langsam flogen, aber viel Lärm machten.
Nachts von 12.00 - 12.05 wurde Feindalarm gegeben. Wir erkannten es daran, weil die Sirenen 5 Minuten lang heulten. Zuerst hieß es, daß sowjetische Panzer, deren Spitzen schon am vergangenen Tage bis Lübben durchgebrochen waren, kämen. Dann erfuhren wir, daß der Feind in der Gegend von Töpchin Luftlandetruppen abgesetzt haben soll. Die Panzersperren wurden geschlossen und die Volkssturmmänner eilten zu den Waffen und Panzerfäusten. Auch von Müncheberg her kam der Feind. Die östlichen Vororte von Berlin wurden überrannt, und nun beschoß feindliche Artillerie Berlin hauptsächlich Lichtenberg und Weißensee und von Bernau her Pankow. Wir hörten den Kanonendonner.

Sa. 21. April 1945

Am Sonnabend, dem 21. April blieb ich auf meinem Weg zur Arbeit schon am Güterbahnhof Königs Wusterhausen mit dem Fahrrad im Flüchtlingstreck, der aus den ostdeutschen Gebieten kam, stecken. Die Pferdewagen hatten sich einfach zu einem Pulk zusammengeschoben; man kam einfach nicht weiter. So mußte ich umkehren und von zu Hause in meinem Büro anrufen. An diesem Tag wurde auch die Postkasse in unserm Haus abgerechnet und das Postamt Senzig geschlossen. Schon wenige Stunden später wurde der Postraum von der deutschen Wehrmacht beschlagnahmt. Hier lag Stab 5o3. Henows Scheune nebenan sollte Feldlazarett werden und Oma Henows Wohnstube Operationssaal.

So. 22. April 1945

Am Sonntag, dem 22. April hatten wir gegen 17 Uhr das letztemal Strom. Im Wehrmachtsbericht aus dem Führerhauptquartier sprach man u. a. von erbitterten Kämpfen im Raum Treuenbrietzen und südlich von Königs Wusterhausen. Zweimal telefonierte ich noch mit Schwartz und gab an, welche Akten und Dokumente sicherzustellen seien; denn das Notprogramm sollte in Kraft treten: Durch Führerbefehl sollte unser Werk bei Feindannäherung in die Luft gesprengt werden.
Wie wir in den nächsten Tagen verfolgen konnten, ließ das Schießen der schweren Artillerie nach. Bald vernahmen wir das Schießen von Pak, Panzern etwa in der Gegend von Grünau, Schmöckwitz, Eichwalde bis es immer näher kam. Dann hörten wir Maschinengewehr und Karabiner, bis die Schlacht im Tiergarten KW entbrannt war. 2 km von uns entfernt befand sich der Bataillonsgefechtsstand. Da die Kämpfe an Heftigkeit zunahmen, wurden zwei SS-Divisionen im Tiergarten eingesetzt. Wir waren Frontgebiet. Im Ort wurden Lebensmittel aus den Vorratslagern an die Bevölkerung verteilt. Es gab u.a. für jeden 4 Streifen Trumpf-Schokolade und 7 Büchsen Ölsardinen. Da man damit rechnen mußte, daß früher oder später doch die Artillerie hereinschießt, wurden die letzten Kisten Munition aus dem Hause geschafft. Vorher hatte ein junger SS-Mann aus der Bodenluke mit dem Maschinengewehr in Richtung See und Neue Mühle geschossen, und kam herunter gestürmt. Oma verlangte, daß er uns nicht gefährden soll. Es war ein ganz junges Kerlchen, vielleicht Anfang 20. Völlig außer Atem, keuchte er förmlich und sagte: "Was sollen wir denn nur machen!?" Dann waren alle verschwunden. Der Verpflegungswagen der SS stand vorm Hauseingang. Es wurde gerade der Kinderwagen mit der Daunendecke verladen. Tante Marie mit ihrem Jungen, Frau Posner mit Uschi und Frau Meyer von der Gräbendorfer Straße fuhren mit ihrem wertvollsten Gepäck mit, obwohl sie wußten, daß wir uns alle in einem Kessel befanden, aus dem es kaum ein Entrinnen mehr gab.

Mi. 25. April 1945

Am Mittwoch, dem 25. April verließen die letzten beiden deutschen Soldaten, die doch noch hier waren, das Haus. Sie sagten uns, daß drüben in Neue Mühle und Zernsdorf feindliche Panzer aufgefahren wären und Senzig mit Beschuß rechnen müsse. Wie wir viel später erfahren haben, war die Dahmebrücke zwischen Bindowbrück und Bindow gesprengt worden, so daß die Russen nicht, wie erwartet, von Osten her in Senzig eindrangen, sondern um den See herum durch den Tiergarten von Westen her kamen. Wir jedenfalls nahmen so viel Gepäck, wie wir nur tragen konnten, und gingen in den Wald. In den kleinen Kuscheln am Weißen Grund vor Waldesruh ließen wir uns nieder. Der Beschuß auf den Ort war so stark, daß wir damit rechneten, bei unserer Heimkehr das Haus nicht mehr vorzufinden. Die Einschläge kamen immer näher; denn auch im Walde hatte sich die Wehrmacht verschanzt, bis etwa 15 m von uns ein Geschoß ein schlug. Unter stärkstem Beschuß pirschten wir uns an das Dorf heran. Frau Malceff, die russische Flüchtlingsfrau, die seit dem Winter in Omas Wohnung als behördlich eingewiesen wohnte, schrie fortwährend auf und brach zusammen. Da der Hausschlüssel nicht so schnell zu finden war, mußten wir im Vorbau Deckung suchen. Es war schon sommerlich warm, und wir waren völlig erschöpft und wollten, was immer auch komme, zu Hause im Keller bleiben. Was wir gemacht hatten, war auch das Dümmste, was man überhaupt tun konnte. Noch zuletzt pfiffen uns am Giebel die Kugeln um die Ohren; wir spürten ganz deutlich den Luftzug. Trotz des Beschusses legten wir uns abends im Keller schlafen, Oma in ihrem Keller, Mutti und ich in unserm und Familie Malceff und Frau Kruse mit Kindern, Flüchtlinge aus Marienburg/Ostpreußen, im Luftschutzkeller. Nachts wurde die Schießerei so heftig, daß wir aufstanden und im Kellergang verweilten. Wir vermuteten Häuserkämpfe und hörten Panzer und Fahrzeuge rollen. Niemand sprach ein Wort, doch hatte jeder denselben Gedanken: die Sowjets sind da! Ich zählte in Gedanken 6 T 34 und wartete auf Detonationen durch Panzerfaust. Mit einemmal hörten wir Schritte und Klopfen. Uns fiel ein Stein vom Herzen, als sich herausstellte, daß es Kuraus, ebenfalls eingewiesene Flüchtlinge aus Ostpreußen, die am 18. Jan. angekommen waren. Der Wehrmachtswagen war nach Gräbendorf abgefahren und hatte die alten Herrschaften nicht mitgenommen.

Do. 26. April 1945

Auch der nächste Vor- und Nachmittag, Donnerstag, 26. April, ging unter stärkstem Beschuß dahin. Einmal schlug eine Granate im Garten und einmal eine auf dem Hof ein, so daß wir nichts weiter als Staub sahen. Plötzlich gab es einen solchen Krach, daß wir meinten, das Haus stürze über uns zusammen. Von Omas Kellerfenster aus sah man Ziegel und Steine und Kalk herunterprasseln und das ganze Haus schwankte wie ein Schiff auf See. Nachher sahen wir die Bescherung: dicht unterm Dachfirst ist am östlichen Hausgiebel ein großes Loch. Das Zimmer, in dem ja Malceffs wohnten, ist nicht wiederzuerkennen, alles voll Kalkstaub. Die Perlenhängelampe wurde durch den Luftdruck in den großen Spiegel geschleudert, der selbstverständlich in tausend Scherben zersprungen war. Auch das meiste Geschirr war hin. Zwei Jalousien, viele Fensterscheiben und auch ein Schaufenster im Postraum waren entzwei.
Budachs aus Berlin-Baumschulenweg hatten wegen der Fliegerangriffe viele Möbel in unserm Eßzimmer untergestellt. Aus ihren Bücherkisten suchte ich alle Bücher über Hitler u. dergl. heraus. Auch die Hakenkreuzfahne der Post holten wir vom Dachboden. Nun ging es ans Verbrennen. Es konnte gar nicht schnell genug gehen. Die Leinendeckel der Bücher ließen sich gar nicht so schnell zerreißen. In den Küchenherd steckten wir so viel, daß das Rohr glühend wurde und der Wandschutz aus Wachstuch schmorte. Im Vorkeller schraubten wir die Klappen zum Schornsteinzug auf und stopften dort noch tüchtig hinein. Na, unser Schornstein muß ja geraucht haben!
Wir hörten fremde Rufe von der Straße her. Von Omas Kellerfenster aus sahen wir 8 -10 Kerle hin- und herlaufen. Sie zerschnitten Henows Gartenzaun, glitten die Böschung hinunter und rannten mit "Urräh"-Rufen über Spargelbeete und den Kartoffelacker. Schon zerrten sie zwei Pferde auf die Straße und schlugen auf sie ein. In Henows Wirtschaftsgarten bauten sie Maschinengewehre oder Granatwerfer auf. Mehrere Frauen und Kinder wurden ins Dorf getrieben. Dieser Anblick gab uns schon einen gewissen Vorgeschmack. Als ich mal allein am Kellerfenster stand, muß mich einer durchs Fernglas ausgemacht haben. Jedenfalls prallte ein Geschoß, das mir galt, genau an einem der beiden Sicherheitsstäbe ab. Da verzog ich mich schnell.
Malceffs waren ganz verzweifelt. Sie meinten, die Russen würden sie an Ort und Stelle aufhängen, weil sie doch freiwillig nach Deutschland gekommen waren. Er war in Leningrad Jurist, sie Gymnasiallehrerin. Herr Malceff reichte Oma die Hand und bedankte sich für all das Gute. Sie wollten nun das Haus verlassen, doch wir beruhigten sie und verbrannten auf ihren Wunsch hin ihre Deutschpapiere.
Am Westgiebel hörten wir Stiefelschritte. Gleich darauf wurde die Haustür weit aufgerissen. Wir rannten die Kellertreppe hoch, zuerst Oma, dann ich, die andern hinterher. Das war so impulsiv aus dem Gefühl heraus, weil wir, ohne zu denken, wohl das besser fanden als aufgestöbert zu werden. Vor uns standen mit vorgehaltener Pistole die ersten beiden russischen Soldaten, vielleicht Belorussen oder Ukrainer. Wie immer in höchster Gefahr wurde ich ganz ruhig und kühl; vielleicht bewirkte das der Schock, mußten wir doch mit dem Schlimmsten rechnen. Ruhig und fest sah ich dem älteren Russen ins Gesicht, als könnte mir gar nichts passieren. Der Offizier streichelte die beiden kleinen Mädchen. Einer fragte ihn, ob er auch Kinder habe. Er zeigte 4 und auch wie groß. Dann fragte er nach deutschen Soldaten. Wir gaben zu verstehen, daß in unserm Haus kein deutscher Soldat versteckt wäre. Er durchsuchte das ganze Haus. Der junge Soldat, der den Offizier begleitete, fragte nach goldenen Uhren und Schnaps. Frau Kurau holte ihre in Leder gefaßte Armbanduhr, die aber entzwei war. Erst wollte er sie in den Keller hinabwerfen; aber mit einer lässigen Bewegung warf er sie zurück, indem er sie am Lederband festhielt, bis Frau Kurau sie ihm abnahm. Der junge Soldat warf mir ganz unheimliche Blicke zu, warf sich im Keller auf die Chaiselongue und fragte immer wieder nach Schnaps. Kaffee, Butterbrot und Ölsardinen mochte er nicht. Er verlangte immer wieder Schnaps. Dabei spielte er fort während mit dem Schießeisen. Dieser Kontrolle folgten noch zwei weitere, die ebenfalls wieder jeden Winkel des Hauses durchsuchten. Dann kam eine ganze Horde. Jedem leuchteten sie ins Gesicht. Vorher kam ein Soldat mit dem Fahrrad; der wollte immer "Dochta" haben. Mutti bekam einen Heidenschreck, weil sie annehmen mußte, daß er mich damit meint. Als er dann aber "operieren" hinzufügte, verstand sie ihn und malte im Sand auf, daß wir 170 sind und Doktor 149 in der Richtung, die sie zeigte.
Frau Kruse kann polnisch sprechen und sagte zu der Horde, daß wir den Keller abschließen und schlafen gehen wollen. Da die Russen in ihrer Küche kochen wollten, drohte Frau Kruse: "Aber nichts wegnehmen! Da wohne ich mit meinen Kindern!" Wir legten uns auf unsere behelfsmäßigen Betten, kamen aber nicht zur Ruhe, weil die Soldaten durch das ganze Haus polterten. Nun waren sie in der Post, jetzt in unserer Wohnung, Tritte im Eßzimmer; Möbelstücke wurden durcheinander geworfen. Sie fingen an zu singen, zu johlen, tanzten und trampelten. Ich kannte so etwas nur vom Kino her, dieses Negergeschrei aus Kolonialfilmen.
Mir wurde es zu warm. Wir waren nämlich mit Kleidern zu Bett gegangen. Ich hatte Rock und Bluse, Trainingshose, zwei Strickjacken, Schal, Mantel, Mütze und Kopftuch an bzw. auf. Trotzdem glaube ich, es war die Angst, daß es mir zu warm war. Ganz furchtbare Musik machten sie mit einer Harmonika. Immer, wenn sie die kleine Treppe herunter kamen, dachte ich: Jetzt, jetzt kommen sie und holen dich! Dann atmete ich jedesmal auf, wenn sie über den Blechabtreter in den Vorbau gingen. Wir kamen die ganze Nacht nicht zur Ruhe.
Mit einemmal hörten wir eine bekannte Stimme; es war Herr Unfrau in Begleitung eines Soldaten. In seinem Hause war ein russischer Major, dessen Soldaten ein Akkordeon hatten. Er, Herr Unfrau, sollte nun ein zweites Instrument besorgen, sonst sollte er erschossen werden. Ich gab ihm mein schönes Akkordeon hin, an dem ich so hing, hatte es doch meine Mutter für fast ein Monatsgehalt gekauft. Zu meiner größten Enttäuschung mußte ich allerdings später erfahren, daß Herr Unfrau sein eigenes Akkordeon irgendwo versteckt halte und er auch von Elfriede Pahlow, die zwei Akkordeons besitzt, keins bekam. Sie sagte wohl, die wären ihr bereits weggenommen worden. Einige Jahre später erfuhr ich zufällig von einem Verwandten seiner Frau, Flüchtling Kurt Kahlert, daß Herr Unfrau die Akkordeons seiner Söhne vergraben und so gerettet hatte.
Komisch, daß ich überlegte, was wohl mit unseren Ersparnissen geschehen würde. Sollte ich wirklich 4 Jahre so hart und ohne Jugendschutz gearbeitet haben und vor einem Nichts stehen? Meine volle Gesundheit und auch die schönsten ungebundenen Lebensjahre habe ich gegen ein paar tausend Mark eingetauscht, die womöglich keinen Wert mehr für mich haben sollten?
Auch mein Lederetui mit Füllhalter und Drehbleistift müssen mir die Soldaten beim Durchsuchen gestohlen haben. Auch unsere Lebensmittelzuteilung aus dem Lager des Kalksandsteinwerkes, die wir im Holzmeiler im Keller versteckt hatten, hatten sie gefunden und uns weggenommen.
Am nächsten Morgen fanden wir nur verwüstete Wohnungen vor. Überall lagen abgebrannte Streichhölzer herum, auf Läufern, Decken, auf Schränken und Tischen, im Kleiderschrank. Verbandszeug, Medikamente und der Satinvorhang an meinem Nachtschränkchen waren angesengt. Auf der Waschtoilette lag Speck und Brot. Davon hatten sie mehrfach abgeschnitten und dabei die wunderschön von meiner Mutter gestickte Richelieudecke mit dem Alpenveilchenmotiv beschädigt. In der Waschwasserkanne war eine trübe Flüssigkeit, wahrscheinlich russischer Kaffee. Alle Schränke standen offen, jedes Schubfach war rausgezogen, und alle darin enthaltenen Dinge lagen am Fußboden verstreut. Schürzen und Kleider von der Flurgarderobe fanden sich später in Frau Kruses Küche an, Nägel, Hammer und Zange im Schlafzimmer. Jede kleine Schachtel mit Stecknadeln, Knöpfen, Haken und Ösen war geöffnet und ausgeschüttet. Auch meine Buntstifte mußte ich mir zusammensuchen. Wir waren ja noch zufrieden, daß die 8 feinen benutzten Tassen heil geblieben waren. Auch meine Jungmädchen-Kletterweste mit der Hakenkreuzraute hing noch am alten Platze. Der Frau Kruse fehlten allerdings ein Kochtopf und die Bratpfanne. Ihre Küche war voll kommen verdreckt; mittendrin lag ein großer Haufen, und auch auf der Toilette im Gang. Eine geöffnete Ölsardinenbüchse fand sie leer vor.
In unserm Eßzimmer sah es auch wüst aus. Jedes Fach war offen; die Sachen waren herausgezerrt, auch das Tafelsilber lag verstreut da. Es fehlte aber nichts. Vielleicht war es ihnen zu schwer. Von Budachs untergestellten Möbeln hatten sie sämtliche Schlüssel mitgenommen. Alle Schuhkartons und Schuhe lagen durch einander, auch Papas Privatakten und mein Kreppapierrock, den ich mal zum Theaterspielen gebraucht habe. Annelieses Teddybär fanden wir auf dem Sofa, ebenso einen zerschlagenen Bilderrahmen und ein Foto von Anneliese im Postkartenformat und eine ihr gehörende Führerpostkarte. Annelieses große Puppe lag mit ausgerissenen Armen am Boden. Die Pakete, die Fräulein Ellert untergestellt hatte wegen der Bomben in Berlin waren aufgerissen bzw. aufgeschnitten, die Wäsche herausgezerrt. Mutti hatte mit dem Aufräumen der fremden Sachen viel Arbeit. Wir beschlossen, all unsere eigenen verstreuten Sachen so liegen zu lassen, sagten wir uns doch, weitere Plünderer würden dann denken, daß Ausgesuchtes schon mitgenommen und anderes sich nicht mehr lohnen würde.
Am nächsten Morgen wollte Oma an der Straße Ordnung schaffen; denn die Panjewagen, die die kämpfende Truppe begleiteten bzw. ihr folgten, hatten eine Menge Stroh verstreut. Der Erdboden war von den Fahrzeugen zerwühlt. Oma begann schon zu harken, als ein Offizier sie anherrschte. Unerschrocken und in dieser Situation auch dumm bot sie ihm Paroli und schimpfte, zeigte, wie das hier aussehen würde. Auch der Garten war zertrampelt. Wir hatten ja im Garten schon Kartoffeln gesetzt. Überall war reingestochen worden.
Die darauf folgenden zwei Tage und zwei Nächte ließen uns die Russen in Ruhe. Die, die bei uns gehaust hatten, waren auf Berlin zu gezogen. Als sie noch hier waren, riefen sie uns zu: "Berlin kapuut! Hitler kapuut!"
Nun wollten wir mal sehen, wie es unseren Bekannten und Verwandten erging. Fast in jedem Haus hatten die Soldaten so gehaust wie bei uns. Und wo sie erst Schnaps vorfanden, da war es gänzlich vorbei. Viele Frauen und Mädchen waren zusammengetrieben, eingesperrt und vergewaltigt.
Henows hatten sie sämtliche Pferde gestohlen, diese schönen feurigen Füchse. Onkel Paul konnte auf der Straße einen alten, mageren Gaul, den sie zurück gelassen hatten, einfangen und in den Stall stellen. Alle Schweine bis auf zwei oder drei waren abgeschlachtet bzw. erschossen. Die ganze Familie mußte den Keller verlassen und jede Nacht in dem feuchten Keller in der Scheune auf Kartoffeln schlafen. Unterdessen fraßen die fremden Soldaten das Fleisch aus den Weckgläsern. Erna wurde ein Koffer mit Wäsche gestohlen. Vor ein paar Tagen wurde das letzte Heu geholt und Onkel Paul mußte noch aufladen helfen. Dauernd stellten die Soldaten den Mädchen nach, so daß sie gar nicht mehr zu Hause bleiben konnten. Wally und Anneliese sind im Hause Walz bei Familie Nowak in der Bismarckstraße. Dort sind sie in einem kleinen abgeschrägten Abstellraum, der nur durch eine Art Türklappe zu erreichen ist, vor die ein Schrank gerückt wird. Oma Henow bringt ihnen immer zu essen hin. Erna hält sich bei Tante Behrend in Senzig-Mitte auf. Tante Behrend hat schon immer viel Saisonarbeit auf dem Feld gemacht und war auch in Haus und Hof beschäftigt, nebenbei noch Kinderfrau für die drei Mädchen.
Als die Russen dort nebenan Schnaps brauten, kam Tante Marie schnell mal zu uns rum. Sie weinte und war ganz verzweifelt und wollte am liebsten ins Wasser gehen. Wie wir heute erfuhren, haben sie alle Hühner bis auf 6 Stück gestohlen und auch noch die letzten Schweine geschlachtet.
Am Wasser soll es ganz toll sein. Von Neue Mühle und Zernsdorf kommen betrunkene Kerle herübergefahren, greifen sich Frauen und Mädchen und vergehen sich an ihnen. Eine wurde 9 x vergewaltigt. Erlen wurden am Seeufer abgeholzt, so daß das Landschaftsbild jenseits der Wiesen völlig verändert ist. Die Schwäne sollen sie alle erschossen haben.
Frau Schusts Haus in der Gräbendorfer Straße an unserm Luch war der deutsche Gefechtsstand. Allein um den Wiesenbogen (Spanwiesen) wurde 24 Stunden gekämpft. Frau Schusts Haus ist stark beschädigt und völlig ausgeplündert. Im Hause Bauunternehmer Schust wurde noch ein deutscher Soldat gefunden und wohl auch noch Munition. Alle Leute aus den drei Häusern: Bauunternehmer Schust, Schwarz und Schust wurden zusammengetrieben und sollten erschossen werden. Goldene Uhren und Ringe wurden ihnen abgenommen und Frau Schust wurde noch ein Pfund Butter, das sie in der Manteltasche trug, los. Dann wurden sie unter Beschuß um die Spanwiesen getrieben. Bauunternehmer Schust wurde erschossen und sein Schwiegersohn Wilhelm Meinert, der eigentlich Gussower Straße wohnte, aber mit seiner Frau dort war, wurde erschlagen und das am Geburtstag seiner ältesten Tochter Waltraut. Nun steht die Frau mit ihren drei Kindern allein da. Ach, wären sie doch alle zu Hause auf dem Gussower Berg geblieben! Dort am Tiergarten wurden noch mehr Männer umgebracht, durch Genickschuß erledigt. Die Frauen wurden durch Wildau durch gebracht, dort stundenlang in Dachkammern eingesperrt; dann ging es nach Zeuthen. Wie ich erfuhr, ist in Wildau kein einziger Schuß gefallen, und Schwartzkopff soll auch noch stehen.
Rudolf Schmohl von drüben, Chausseestraße 37, wurde mit anderen Männern nach Neue Mühle und Zernsdorf getrieben. Unterwegs fanden sich noch zwei deutsche Soldaten an, die sich ergaben. Sie lagen vor den Russen auf den Knien und flehten mit beiden Händen um ihr Leben. Der eine zeigte, daß er 3 Kinder habe. Nichts half; sie kriegten einen Schuß durch den Hals und noch Fußtritte dazu. Rudolf Schmohl sagt, er wird den Anblick nie in seinem Leben vergessen können; denn die beiden Soldaten mußten sich noch stundenlang quälen, ehe sie starben.
Hannchen Schulze, Chausseestraße 40, erzählte, daß auf ihrem Hof vor den Augen ihres Mannes polnische Soldaten, die für Deutschland gekämpft hatten, durch Genickschuß gestorben sind, obwohl sie vor den russischen Soldaten auf den Knien lagen. Es hatte sich am Ein- oder Ausschuß eine Blase gebildet, und sie sind alle qualvoll gestorben.
Auch der alte Herr Schmiede-Schulz, Chausseestraße 31, ist ums Leben gekommen. Herr Gerbsch hat sich mit seiner Frau erschossen. Der dicke Hoffmann von der Siedlung Krüpelsee, NSDAP-Führer, hat seine Frau und seine 5 Kinder, das jüngste erst 3 Wochen alt, erschossen, auch eine Bekannte mit ihren Kindern, ehe er sich dann selbst das Leben nahm. Als Ortsgruppenleiter wäre er ja sowieso erschossen worden, doch wollte er seine Familie nicht ihrem ungewissen Schicksal überlassen. Bürgermeister Schnick und andere Parteigenossen wurden fortwährend verhört. Clement Krohn aus Waldesruh, Bergstraße, wurde erschossen. Er hatte sich vor der Einnahme des Ortes geweigert, seine Unterschrift zur Kapitulation zu geben. Bürgermeister Schnick und Ortsgruppenleiter der NSDAP Hoffmann sollen schon unterschrieben gehabt haben. An dem einen Tag wurden 32 oder 34 Leichen bestattet. Im ganzen Dorf sieht man weiße Fahnen. H. und Lehmann drüben und Riedels haben sogar die rote Fahne gehißt, Riedels auch die weiße. Jetzt haben die ehemaligen Kommunisten das Wort. Ich selbst habe nie über diese Leute nachgedacht, nur mit H.'s Kindern gespielt und mich gewundert über so manches Schlagwort wie "Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein." Das sagte Harry immer. Mautschi war noch klein, und ich nahm sie immer an die Hand. Herr H. kam immer betrunken nach Hause und vermöbelte seine Frau, die nie arbeiten ging und den ganzen Tag Zigaretten rauchte. Das war immer ein Geschrei in der ganzen Gegend. Meist ließ er freitags das verdiente Geld in der Kneipe. Meine Mutter dagegen meinte, daß die Senziger Kommunisten ehrlich, anständig und gerecht waren, doch dabei dachte sie sicherlich an dessen Vater Andreas H. Franz H. trug wie verschiedene andere auch eine rote Armbinde und hat dazu vom Kommandanten einen Berechtigungsschein in der Tasche. Sie machen Streife und sorgen dafür, daß wir nicht von den rückzuführenden Polen und Russen belästigt werden. Aber sie ermächtigen sich auch, Leute, die sich beim Schlangestehen vorm Laden irgendwo anlehnen, so wie beispielsweise meine Mutter an das Metallgeländer rund um die Kalsche, unsern Dorfteich. Sie fand das lächerlich und sagte zu ihm: "Herr H., Sie haben mir gar nichts zu sagen!" Einmal gab es Brot und zwar für eine Person ein halbes, für zwei Personen eins und für drei auch eins. Blutwurst und Fleisch gab es auch. Mutti mußte viele Stunden anstehen und sich dabei das Gezeter der Leute anhören.
Tante Marie und Frau Posner haben sich wieder angefunden. Frau Posner ist nur bis Gräbendorf mitgefahren, Tante Marie noch weiter. Sie hat alles verloren. Barfuß kam sie und hat nur noch ihr Kind, das sie in einem Korb trug, den sie irgendwo unterwegs im Chausseegraben fand. Das Militärauto mit Gepäck und Kinderwagen ist in die Luft gegangen; ihre Handtasche mit Papieren, Sparbüchern und Fotografien hat sie verloren; denn sie selbst ist bei Hammer in die Schlacht geraten, wo sie in einem Erdloch Schutz suchte, das Kind unter sich mit ihrem Körper deckte und sich von einem toten Soldaten den Stahlhelm aufstülpte. Pak- und Panzerbeschuß war, Granaten kamen angesaust. Es muß furchtbar gewesen sein.
Frau Meyer ist noch nicht da. In den Keller, in dem sich Frau Posner befand, kam ein deutscher übergelaufener Leutnant von der Seydlitz- oder Paulustruppe.
Die Leute sagen, den Bauern und Kaufleuten geschehe jetzt recht; denn die Bauern hatten immer gutes Essen, während wir schon oft darbten. Ich finde jedoch, es wäre ja schlimm, wenn schon der Bauer nichts mehr zu beißen hätte. W. drüben in der Bismarckstraße, das ist ein ganz falscher Hund! Bei Henows hat er nur so um sich herumgefressen und wußte nicht, wieviel Schinken er sich aufs Brot legen sollte und wie dick er schmieren sollte. Ich weiß es doch von der Erntezeit her. Jetzt freut er sich über die hilflosen Bauern. Da fiel mir auch noch was von ganz früher ein, als er Onkel Paul angezeigt hatte, weil der auf seinen eigenen überschwemmten Wiesen an den Spanwiesen Hechte stach. Das war nämlich verboten, und Onkel Paul mußte dann Strafe zahlen. Tante Marie Henow klagte uns ihr Leid. Dabei kam auch heraus, daß sie ihm zentnerweise Kartoffeln und einen Sack Korn gegeben hatte. Was haben sie für uns übrig gehabt? Wir wollen gar nicht danach fragen. Sonntags, feiertags hat Mutti für die ganze Familie Handschuhe und Strümpfe gestrickt, hat oft ihre ganze Raucherkarte hingegeben, um ein Stück Brot zu bekommen. Sie gaben uns weißen Käse und Brot und wenn es ihnen zuviel wurde, bezahlten sie uns die Zigarren. So haben sie es mit uns gemacht. Allerdings waren wir immer willkommen und gern gesehen und wurden bei Festlichkeiten bestens bewirtet.
Auf der Schilsche, dort nicht nur auf der Wiese, sondern auch auf den Äckern haben sich die Russen eingenistet. Die Geschütze wurden um ein paar Spatenstiche eingegraben. Die Geschützmündungen zeigten zum Tiergarten. Von hieraus unternahmen die Russen ihre Raubzüge. Sogar Betten schleppten sie auf den Acker. Ein paar von ihnen kamen zu uns, kramten den Keller um und dumm und nahmen uns die letzten 5 Büchsen Ölsardinen weg. Wieder andere holten Rolfs Anzug aus dem Schrank und noch seine schwarze Hose. Wir konnten uns vor diesen Kerlen kaum mehr retten. Mal sprang ich aus dem Fenster des kleinen Zimmers, mal aus dem Eßzimmerfenster. Als es einmal dazu schon zu spät war, wickelte ich mich in den Teppich. Ich hatte solche Angst und furchtbares Herzklopfen. Der Russe stand in der Tür, sah die Verwüstungen seiner Vorgänger und hatte wegen Budachs untergestellter Möbel keinen rechten Überblick, so daß er von diesem Zimmer abließ.
Kam da doch später noch ein ganz widerlicher Kerl, den wir "Schnauzbart" nannten, in unsere Wohnung. Einmal war ich ein geschlossen, und da ich ihn rumoren hörte, verkroch ich mich im Eßzimmer unter Schuhkisten, die herumlagen, und unter dem Kreppapierrock. In jedes Zimmer mußte er seine Nase stecken. Was ich da für Angst ausstand, kann sich keiner denken. Zu Frau Malceff sagte der Russe, meine Mutter gefiele ihm gut und er wolle sie haben. Seine eigene Frau wäre ihm vor etlichen Jahren gestorben. Von meiner Mutter verlangte er ein nagelneues Handtuch und erwartete sicher, daß sie ins Schlafzimmer zum Wäscheschrank ginge. Aber sie reichte ihm in der Küche ein gerade im Gebrauch befindliches Handtuch, das er dann wütend im Hause fortwarf. Am nächsten Tag war "Schnauzbart" wieder da und wollte unsere Wohnungstür einschlagen. Wir haben das Fenster zur Straße hin geöffnet, die Jalousien hochgezogen und sind aus dem Fenster gesprungen. Da die SS ja den Drahtzaun zerschnitten hatten, kamen wir jederzeit auf die Straße und flüchteten ins Dorf. Während ich so lange zu Dorf-Hübners ging, ging meine Mutter zum Kommandanten, den sie zu der Zeit aber nicht mehr antraf. Ich erzählte Christa Hübner meine Erlebnisse und sie mir die ihren.
Bei Schmohls drüben, Chausseestraße 37, waren Russen, die erzählten, es ginge jetzt gleich weiter gegen den Amerikaner. Der Russe wolle alles Land bis zum Rhein haben. In den darauf folgenden Tagen zogen unzählige Kolonnen durch Senzig. Bei Helwigs, Chausseestraße 33, und Horns, Chausseestraße 36, waren Russen mit Kühen. Sie wollten erst am nächsten Morgen weiter. Der Russe von Horns kam in unser Haus und wollte auch in unsere Wohnung. Wieder sprangen wir aus dem Fenster, während ein Trupp russischer Infanterie vorüber zog. Ich verlangte sofort einen Offizier zu sprechen. Der eine Russe sagte, es wäre kein Offizier hier und fragte, was ich wolle. Ich erzählte es ihm, und so wurde der Kerl vom Hof geholt.
Mutti hat Frau Pauline Mayer von der Gräbendorfer Straße getroffen. Ihr Haus hat auch viel abgekriegt. Die Granaten wären immer nur so geflogen, und der Schutt prasselte in die Räume. Sie selbst lag auf dem Fußboden und konnte schon gar nichts mehr denken. Sie machte uns darauf aufmerksam, daß die Siedler aus unserm Wald das abgeschossene Holz holen. Wir aber hatten andere Sorgen.
Auf der Straße wurde Mutti zu Offizieren herangewinkt, die ihr zu verstehen gaben, daß sie Offiziere zu grüßen habe. Mutti zuckte nur die Achseln und sagte, sie kenne keinen Offizier heraus.
Es gibt viele Leute im Ort, die sich nach Ämtern reißen. Sie tragen alle eine rote Binde am Arm. Das Gemeindeamt ist ganz neu besetzt. Mutti war dort, um den Kriegsschaden anzumelden. Wie dumm aber, daß sie versehentlich gewohnheitsmäßig mit "Heil Hitler!" grüßte, so wie sie es von der Post gewöhnt war. Na, sie waren alle noch ganz gemütlich und sagten nur, daß es jetzt "Guten Morgen!" heiße.
Malceffs sind jetzt ziemlich frech geworden, wo wir doch nur Gutes an ihnen getan haben. Der Kleine bekam so oft Kompott von uns. Es herrschte stets ein höflicher Ton. Und nun ist es so. Wir haben ihnen ihr Zimmer sauber gemacht, aber sie zogen nicht ein, sondern verlangten ein anderes Zimmer, obwohl sie nie Miete gezahlt haben. Am liebsten wollten sie zu Tante Marie oder zu uns in die Wohnung. Und wir schlafen doch alle noch im Keller. Nun haben wir sie in die Post hinein bugsiert. Sogar Kohlen zum Heizen haben wir ihnen gegeben. Wie wir hörten, gingen Herr Malceff und Widali sogar in fremde Wohnungen plündern. Man sah sie auch von Thorndikes kommen. Sie kleideten sich völlig neu ein. Frau Malceff hatte ein vornehmes dunkel blaues Kleid aus dünnem Wollstoff an, neue Strümpfe, neue Schuhe, eine Halskette und ein Armband. Auch Herr Malceff und Widali trugen neue Anzüge, und den Kleinen haben sie auch neu eingekleidet. Heute mittag sind sie endlich abgefahren. Sie wollten sich noch von Mutti verabschieden; Mutti reichte ihnen aber nicht die Hand. Andreas Hoppe, der hier Streife macht, fragte sie, ob das, was auf dem Handwagen lag, sie aus Rußland mitgebracht hätten. Erst wollten sie gar nicht verstehen; dann taten sie ganz beleidigt und wollten all die neuen Sachen käuflich erworben haben. Ihr letztes Tun war ja noch, daß sie den drei Russen gestern abend die Haustür aufgemacht und sie zu uns in den Keller geschickt haben. Zwei Russen verlangten ein Zimmer für eine Nacht und wollten heute morgen nach Berlin. Wir weigerten uns zuerst, aber sie versprachen hoch und heilig, nichts wegzunehmen. Der Offizier sagte, er brauche unsere "Lappen" nicht. Das Zimmer sollte geheizt werden. Dann wollte er Federbetten haben, die wir doch für uns im kalten Keller brauchten. Wir gaben ihnen eine Wolldecke. Nun mußten wir Kaffee kochen, dann sollten wir Nudeln kochen und Speck braten. Der sollte dann wahrscheinlich über die Nudeln gegossen werden. Es waren selbst gemachte Nudeln in einem Handtuch. Wir legten sie stillschweigend in eine Wanne, die wir zu uns in den Keller trugen. Der Offizier, der von Beruf Arzt sein wollte, fragte jeden nach seinem Alter. So verschwand ich, als ich das hörte, schon vorzeitig von der Bildfläche. Heute früh um 6.30 Uhr gingen sie. Als wir in die Wohnung kamen, bemerkten wir, daß die Wolldecke fehlte. Oma und Mutti liefen ihnen nach. Da zeigte der Offizier ein ganz anderes Gesicht als am Abend. Er bestritt, die Decke genommen zu haben. Da war eben nichts zu machen. Anscheinend haben sie aber doch unsere "Lappen" gebraucht. Nun besahen wir uns erst unsere Wohnung. In jedem Zimmer waren sie, weil wir überall erneut abgebrannte Streichhölzer fanden. Die Küche sah wie ein Schweinestall aus. Ich ekelte mich direkt, den Tisch abzuwaschen. Die Nudeln haben übrigens großartig geschmeckt.

Fr. 04. Mai 1945

Wir haben kein Vaterland mehr! Niemand kann uns vor Raub und Vergewaltigung schützen. Von aller Welt sind wir abgeschnitten.
Es gibt keine Post mehr, keine Zeitungen; wir können nicht mehr Radio hören. In jeder Hinsicht müssen wir uns ducken.

Sa. 05. Mai 1945

Gestern war der lange Kerl, der das Quartier für den Offizier besorgte, bei Tante Marie und hat Kaffee getrunken. Er erzählte, daß er Jude sei und in Ragow stationiert wäre. Gestern morgen kam dieser Kerl noch in unseren Keller und holte Opas Fahrrad und Muttis, an das wir noch die neue Dynamolampe anbringen ließen. Dies war ein NSU-Rad [Neckersulm Motorenwerke]. Wenn sie durch den Ort fuhr, riefen die Kinder: "Nordsibirische Untergrundbahn"! Mein Gott, alles nehmen sie uns weg!
Jetzt sollen sämtliche Radioapparate und Schreibmaschinen abgeliefert werden. Auf Nichtbefolgung steht Todesstrafe. Mutti ging zur Sammelstelle Werftstraße (Werft Dietzmann) und erkundigte sich, ob man auch eine Quittung bekäme. Sie verneinten das. Ehe Mutti zurück kam, hatte Tante Marie im Stall im ehemaligen Ziegenverschlag die weißen Mauersteine aus dem Sand aufgenommen und eine ziemlich tiefe Grube gegraben, mit einer alten Steppdecke ausgelegt und schon ihren Radioapparat versenkt und den Feldstecher von Onkel Paul und ihren Fotoapparat dazugelegt. Jetzt sollte ich unsern holen und meine Schreibmaschine "ORGA PRIVAT", die ich vor Jahren mal von Opa geschenkt bekam. Erst 1938 hatten wir das Radio gekauft. Es war ein guter "Super Mende" mit hervorragendem Klang. Das alles lag in trockenem gelben Sand. Die Steine wurden wieder eingepaßt und Gartengeräte drübergestellt. Als Mutti nach Hause kam, staunte sie, daß der Radioapparat nicht mehr auf dem Schrank stand.

Mi. 09. Mai 1945

Jetzt muß man ganz raffiniert zu Werke gehen. Die letzten beiden Fahrräder, Muttis Ersatzrad und meins, haben wir in Omas Schlafstube gebracht. Nun wollen wir noch die Vorderräder ausschrauben und anderswo verstecken.
Allerlei Gerüchte gingen um. Z.B. hörten wir, daß der Russe bis zur Oder zurückgehen muß und wir werden demokratisch regiert, vielleicht unter Seydlitz oder Paulus.
Mutti mußte vorgestern arbeiten gehen. Wir bangten um sie, nahmen wir doch an, sie müsse schippen und Steine karren. Ich nahm mir indessen meinen Garten vor und brachte alle Beete und Stege in Ordnung. Nachher konnte ich kaum noch laufen, soviel hatte ich gearbeitet. Abends kam Mutti dann wieder frohgemut an und erzählte. Zuerst mußten die 60 Frauen und 60 Männer nach Neue Mühle und dann ging es mit den Neue Mühlern nach Zeesen. Dort mußten sie in einem Ausweichlager Wäsche sortieren packen. Die Männer mußten Möbel schleppen. Mutti wurde bei den Trainingsanzügen eingesetzt, ganz prima Ware und fabrikneu. Von Zeit zu Zeit wurden sie von Russen kontrolliert. Trotzdem nahmen sich alle Leute, was sie brauchten. Mutti hatte einen dunkelbraunen Trainingsanzug und passende Fingerhandschuhe, 2 Staubtücher und einen grauen Knieschützer. Diesen haben wir aufgeräufelt, um in meine mausgrauen Wollhandschuhe neue Finger reinstricken zu können. Wie meine Mutter überschlagen konnte, gingen an diesem einen Tag schon 12 Trainingsanzüge fort. Es kommen aber jeden Tag andere Leute dort hin. Klärchen Wilke hat sich sogar Kleiderstoffe auf den Rücken gebunden und einen neuen Mantel mitgebracht. Mancher Mausehaken nahm sich gleich Sommer- und Wintermantel. Zu essen gab es gut und reichlich. Das Wehrmachts-Kochgeschirr und den Löffel aus dem reichhaltigen Lager hat Mutti gleich mitgebracht. All die Waren, die dort lagerten und sortiert wurden, sollen in die Sowjetunion abtransportiert werden.
Tante Lieschen Henow aus Zeesen war einen Tag mit Christel hier. Sie darf nicht in ihrem Hause wohnen, weil Herrn Hauffes SA-Uniform gefunden wurde. Die Familie Hauffe hatte sich kurz zuvor noch aus dem Staube gemacht. Vor Tante Lieschens Haus sind gleich Wagen vorgefahren, auf die ihre Sachen aufgeladen werden sollten. Aber sie hat sich vom Wagen wieder ihre Betten und Matratzen runtergezogen. Das Haus ist kaum zu betreten; ein Schweinestall soll golden dagegen sein. Tante Lieschen mußte durch ein Fenster in den Keller klettern, um sich von ihren eigenen Kartoffeln zu holen.
Senzig soll 74 Tote haben. Auch Hilde Kailer wurde erschossen, nachdem ihr Bruder schon beim Beschuß umgekommen war. Sie wohnten mal im Hause Schneidemühl-Hinze an den Spanwiesen und jetzt wohnen sie in Waldesruh. Herr H. und seine Frau vom Gasthaus hatten sich schon die Pulsadern geöffnet und waren ins Wasser gegangen; man hat sie aber wieder herausgezogen. Heute haben wir erfahren, daß Ilona aus Zernsdorf auch tot sein soll. Es waren 70 Menschen im Bunker, die Russen, die sie aufgespürt hatten, waren betrunken und schossen immer so dazwischen. Voriges Jahr im März wurde die Mutter von Bomben erschlagen, vor kurzem wurde der Vater als vermißt gemeldet, und jetzt ist Ilona tot. Nun ist nur noch Renatchen übrig.
Seit gestern mittag, 12 Uhr soll ja Waffenstillstand sein. Ob es wahr ist, weiß man nicht. Wir sind ja von der übrigen Welt völlig abgeschnitten. Morgens tutet Hoppe 7 Uhr und abends 8 Uhr. Vor 7 bzw. nach 8 Uhr darf niemand auf der Straße sein.
Gestern mußten sich alle leitenden Personen der Behörde in Neue Mühle beim Kommandanten melden. Mutti wurde als Leiterin des Postamtes auch verhört.
Im Tiergarten liegen Wäschestücke usw. verstreut herum. Das sollen die Russen dort hingeworfen haben. Mutti hat einen Liegestuhl, eine Wolldecke, wie sich später herausstellte, durchlöchert, 2 Handtücher und ein seidenes Dreiecktuch mitgebracht.
Ganz Senzig ist auf den Beinen und holt sich Holz aus dem Tiergarten. Wir haben heute wieder eine Fuhre aus unserm eigenen Wald am Luch geholt. Jetzt machen wir endlich großreine und räumen unsere Wohnung wieder ein.
In den Tagen, in denen ich eingesperrt in der Wohnung bleiben mußte, habe ich unheimlich viel gelesen:
Schillers Werke, 2.Teil
Shakespeare: "Macbeth"
Shakespeare: "Der Kaufmann von Venedig"
Ludwig van Beethoven: Text zu "Fidelio"
J. von Eichendorff: "Aus dem Leben eines Taugenichts"
Manfred Hausmann: "Lampion küßt Mädchen und kleine Birken"
Hermann Stehr: "Die Nachkommen"
Hanns Johst: "Maske und Gesicht"
Euripides: "Iphigenie in Aulis".

17. Mai 1945

Welch eine Hitze! 31°C im Schatten! Und dann der Hunger! Seit 6 Tagen rennen wir schon nach Brot. Hunger, das ist nicht, mal hungrig zu sein, sondern dauernder Nahrungsentzug. Endlich gab es heute 700 g pro Person. Und nun heißt es wieder einteilen. Man hat sich aber schon damit abgefunden, daß man heute noch nicht weiß, was man morgen essen wird. Das Essen hat man sich fast abgewöhnt. Ab und zu bekommen wir von Henows nebenan Milch und Spargel. Beim Kaufmann gab es neulich Spinat, Kartoffeln, Radieschen und noch Ölsardinen. Allerdings muß man viele Stunden anstehen und sich von einem Dorfpolizisten, diesmal einem ehemaligen Zuchthäusler, fortjagen lassen, wenn man schon vor der Geschäftszeit ansteht.
Mein Geburtstag war wie jeder andere Tag. Es war der erste Geburtstag in meinem Leben, an dem es keinen Kuchen gab. Traditionsgemäß standen die Maiglöckchen da, diesmal 20 Stück. Von Oma Lehmann habe ich eine Kaffeetasse mit Goldschrift bekommen, auf der aber unsinnigerweise stand: "Dem Vater zur Freude, der Mutter zum Glück, legt unser Liebling heute das erste Jahr zurück." Von Henows nebenan habe ich ein Pfund Spargel, ein Stück Brot und ein Glas Sirup bekommen.
Alle Fachkräfte wie z.B. Handwerker müssen sich auf dem Gemeindeamt melden und werden zur Behebung der Schäden entsprechend ein gesetzt. Bei Schlages, Chausseestraße 173, wurde heute das Dach gedeckt.
Gestern soll sich der russische Kommandant mit Helga E. aus der Heidestraße verlobt haben.
Die Radioapparate und Schreibmaschinen hat Senzig abliefern müssen zur Strafe, daß es sich so verteidigt hat. Die Anschläge mit der angedrohten Todesstrafe hängen noch immer an den Straßenbäumen. Hier muß eine zeitlich spätere Bemerkung angefügt werden: Es müssen doch nicht alle Apparate an die Russen abgeliefert worden sein, denn unser -zigster Bürgermeister nach 1945 hat mal erwähnt, daß er aus dieser Aktion einen großen Radioapparat bekommen hat. Als das mal im Ort beanstandet wurde, meinte er: "De Burjermeesta kann´n Radio haben, so groß wie´n Backofen!" Vorher hatte er aber nur einen Volksempfänger! Bgm. Albert Schulze, Chausseestr. 47.
Frau Mayers Laden, schräg rüber Chausseestraße 35, der wegen Einberufung ihres Mannes schon Jahr und Tag geschlossen ist, wurde heute in Ordnung gebracht und soll schon in den nächsten Tagen eröffnet werden.
Fuhrunternehmer Jahns, Körbiskruger Straße, holt mit seinem Lastauto, das eine russische Aufschrift trägt, Lebensmittel für Senzig. Gestern hat er Kartoffeln geholt.
Eine Frau, die aus dem Rheinland kam, erzählt, daß dort schon alles seinen geregelten Gang ginge. Mit Wohnungen sei es ja auch schlecht, weil durch die Terrorangriffe alles zerstört wurde; aber sonst gibt es schon allerlei zu kaufen. Über Hamburg und werden Lebensmittel per Schiff eingeführt. Die Reichsmark hat nur noch 40 Pfennig Wert. Es wäre ja großartig, wenn das auch für uns gelten sollte; denn hier hörte man etwas von 6 Pfennigen pro Mark. Die Bahnstrecken sollen schon bis Hannover in Ordnung sein und weiter östlich teilweise. Wenn die Streckenschäden weiterhin zügig behoben werden können, wird ja der Postverkehr wieder belebt werden können, so daß wir endlich erfahren, wie es unseren Verwandten, Freunden und Bekannten geht. Was mögen Tante Käthe und Helga in Oberkassel bei Bonn machen, Magdalena in Bad Nauheim Hanna in Oberhausen/Eifel, Marlies in Hannover-Vinnhorst und Clarissa in Bremen? Die Post in Senzig wird auch bald wieder eröffnet, heißt es, und Mutti bekommt sie wieder. Dann werde ich Briefe in alle Himmelsrichtungen schicken und mich auch nach Eberhard in Gera erkundigen. Seine letzte Post war vom 13. März, als er zuletzt noch in Ungarn eingesetzt war. Hoffentlich haben ihn die Russen nicht nach Sibirien verschleppt.
Der Bahnhofsvorsteher von Königs Wusterhausen hat mit einer Lok eine Probefahrt bis zum Görlitzer Bahnhof in Berlin gemacht. Behelfsbrücken sind bereits geschlagen.
Dann werde ich ja bald eine Arbeitsaufforderung von Schwartzkopff bekommen. Diejenigen, die schon arbeiten, bringen diese Aufforderungen dann mit. Dann erhält man einen Ausweis in Deutsch und Russisch, auch daß man die Bahn benutzen und mit dem Fahrrade fahren darf.
Gestern haben die Russen Henows Kutsche fortgeholt. E. S. vom Gussower Berg hat sie hingeführt. Es war die schönste Kutsche aus dem ganzen Dorf, honiggoldgelb und innen kornblumenblau ausgeschlagen. Ein Bild für Götter, wenn sie mal sonntags vorbeifuhren mit den feurigen Pferden davor, deren helle Mähnen flogen, und unter den Metallreifen der Räder sprühten die Funken auf dem Feldsteinpflaster der Straße. Es war damals die Brautkutsche meiner Eltern. Gern wäre ich darin mit meiner gleichaltrigen Cousine Erna zur Konfirmation nach KW gefahren, aber Erna wollte es durchaus modern haben und mit einem Personenauto fahren. So mußte meine Mutter für mich auch auf ein Auto zurückgreifen.
Täglich gehe ich auf die Friedhöfe und besorge die Gräber von Papa, Luci, Opa Henow, Urgroßvater und Urgroßmutter Stöpper auf dem Dorffriedhof und Opa Lehmanns Grab auf dem Friedhof an der Kapelle. Zu Hause gieße ich morgens und abends die Blumen- und Gemüsebeete im Garten. Das ist meine tägliche Arbeit. Die übrige Zeit gehört mir. Ich kann dann lesen, schreiben, lernen, mich in die Sonne legen oder nähen, sticken, stricken und Schiffchenarbeit machen. Neulich habe ich mir einen Sommerhut entworfen, den ich mit Zeichenleinen beziehen will. Den Schirm habe ich schon fertig.
Für morgen bin ich mit Mutti nach Zeesen zum Arbeiten bestellt, weil ich mal Jungmädchen im BDM war. Ich habe mir vorgenommen, mich bis zum Zerplatzen satt zu essen.
Heute hat Gerd W., Chausseestraße, mit einer Panzerfaust gespielt, die explodierte und ihm beide Hände abriß. Es ist doch nun schon so viel Unheil passiert. Ständig wird davor gewarnt, aber die Kinder können nun mal nicht hören. Sogar Erwachsene untersuchen Patronen und entsicherte Pistolen. Schmiede-S. Gerhard, Chausseestr., ist dabei auch ums Leben gekommen. Er hat an einer Eierhandgranate geschraubt. Durch die Explosion wurde ihm die rechte Hand ab- und der Leib aufgerissen, so daß die Därme herauskamen. Mit einem Handwagen wurde er nach Königs Wusterhausen ins Krankenhaus gebracht, starb aber schon Stunden nach seiner Einlieferung. Er war gerade 5 Wochen verheiratet. Ein Junge aus Sperlingslust wurde gänzlich auseinander gerissen, Kopf ab usw.
Die Zahl der Toten in Senzig, ist auf 90 gestiegen. Wulwes-Schulzen Opa ist auf dem Feld auf eine Mine gefahren. Er war Bauer und wohnte Lindenstraße 7.

Mo. 21. Mai 1945

Ich habe mir jetzt Papas alten zierlichen Füllfederhalter herausgesucht und ihn wieder so einigermaßen flottgemacht. Zwar mußte ich etwas Gewalt anwenden und die Feder mit einer Zange rausschrauben; aber es schreibt sich doch so auf alle Fälle besser als mit Federhalter und Stahlfeder, obwohl er nicht mehr gefüllt werden kann und ich ständig ins Tintenfaß eintauchen muß. Sogar meinen eigenen zweiten Füllhalter, der aber schon kaputt war, haben mir die Russen geklaut.
In der Nacht vom 17. zum 18. Mai zog ein ganz furchtbares Gewitter herauf und tobte sich mit Hagelgeprassel und Regengüssen aus. Mutti, dieser Angsthase, wollte sogar aufstehen. Ich aber lachte sie aus. Was hatten wir nicht schon alles erlebt! Bombenangriffe, Angriffe von Tieffliegern, Pak- und Panzerbeschuß; Gewehrschüsse zeichnen sich an Hauswänden und am Stallgiebel ab! Trotzdem empfand ich bei diesem schlimmen Gewitter doch einen geheimen Schauer. In dieser Nacht war freilich an Schlaf nicht viel zu denken. Jedoch sprang ich recht froh aus dem Bett, brauchte ich doch weder im Garten noch auf den Friedhöfen Gießkannen zu schleppen, und die Maikühle bei der Arbeit in den Zeesener Hallen würde nicht so unangenehm sein.
Morgens um 1/4 8 Uhr mußten sich die "Bestellten" vor Wandrey (Chausseestraße 193) einfinden. Dann ging es unter der Führung des Herrn P., Liebster der Frau H., Chausseestraße, in Reihen zu dritt nach Zeesen. Überall hing noch der Brandgeruch des Krieges in der Luft. Inge H. im kurzen weißen Sommerkleidchen, Blumen im Haar, sprang wie ein Zehnjähriges umher. Man hörte nur immer etwas von dem blonden Leutnant aus Sibirien. Wir konnten nur noch mit dem Kopf schütteln.
Unterwegs trafen wir viele, die am vorvorigen Tag in Zeesen gearbeitet hatten, die aber erst am nächsten Morgen frei wurden, weil sie sich Sachen eingesteckt hatten. Eine Frau erzählte, daß bei Arbeitsschluß jeder, der ein bißchen rund aus sah, von der Kontrolle abgetastet und bis aufs Hemd ausgezogen wurde; da kamen dann meterweis Stoff, Hemden, Schlüpfer, Unterröcke, Kleider, Nähgarn, Handarbeiten, Handschuhe, Trainingsanzüge, Unterhosen, Hosen, Jacken, Sweater, Mäntel, Überzieher zum Vorschein. Die Sünder mußten bis nachts 12 Uhr arbeiten, konnten dann schlafen, doch holte sich so mancher Russe ein junges Mädchen heraus. Sie bekamen vorher zu essen; auch am nächsten Morgen bekam jeder noch ein Stück Brot und durfte dann abziehen. Aber die Frau hat sich doch noch so allerlei gegriffen und mitgenommen. Das war nun schon der Vorgeschmack für unsere Tätigkeit dort. Ein Mädel hatte eine Mundharmonika; es wurden von einigen Schreihälsen sogar Wanderlieder gesungen. In Zeesen ging es über die Kleinbahngleise. An der Mauer der Postschutzschule warteten wir auf die Neue Mühler. Dann wurden wir in der ersten großen Halle eingesetzt. Auf dem Hof stand ein Bechsteinflügel, an dem ein Ruski saß und uns mit russischer Musik "erfreute". Gleich, als man die große Halle betrat, lag da ein großer Haufen Kleidungsstücke. Das war all das, was sich die Arbeiter des vorigen Tages mit nach Hause nehmen wollten. Zuerst wurde so dreckige Arbeit verteilt: Fegen und Sprengen, Kisten und Wannen schleppen. Ich besah mir all die vielen Reiseschreibmaschinen, die da auf dem Boden standen. Typen und Rahmen waren verrostet, verbogen; der Wagen ließ sich nicht von links nach rechts transportieren, alle Hebel klemmten; an etlichen Maschinen fehlten sogar die Wagen. Also durchweg Schrott!
Indessen hielt Mutti Ausschau nach der anderen Halle, dem Tätigkeitsbereich ihres vorigen Einsatzes. Schließlich waren wir ja noch nirgendwo eingewiesen worden. So konnten wir uns flink noch die Stände ansehen. Um zu der Halle zu gelangen, mußten wir eine Anhöhe von Decken und Tornistern erklimmen und durch ein kaputtes Fenster steigen. Hinter uns ging ein Russe, was mich ziemlich beunruhigte. So stieß ich mit Kopf und Knie gegen den Fensterrahmen, worauf mir der Russe derb auf die Schulter schlug, so wie´s der Fuhrmann mit einem Pferd tut. Mit einem Fluch auf den Lippen schlug ich nach rückwärts aus, konnte den Russen aber nicht treffen. Von da an brummte mir der Schädel, und Hunger hatte ich auch. Wir erreichten den Stand mit Wäsche und Trainingshosen, Socken und Hitler-Hemden. Aber wie sah es hier aus! Alles war wieder durcheinander geworfen, was vortags sortiert war. Na, jeder suchte sich das, was er gebrauchen konnte, heraus. Von dem großen Handschuhlager waren nur noch zwei einzelne Handschuhe übrig geblieben. In unserer kleinen Ecke wurde doch nun schon 14 Tage lang aufgeräumt; da sah es wüst aus.
Jedenfalls brauchte ich ein Hemd. Ich hatte meins vorsorglich am Morgen gar nicht angezogen. Und meine bloßen Füße scheuerten sich auch in meinen großen Bergsteigern. Also: ein paar Socken mußten her! Auf der Zentralheizung lag ein wunderschöner Bademantel, den alle bewunderten. Der wurde nun schon 14 Tage lang bewundert, doch niemand traute sich ran. Nun wurden Gardinen gepackt, Decken, Servietten, Handtücher, Blusen, Kleider, Kinderwäsche, Bettwäsche, Handarbeiten, Unterröcke, Schlüpfer zusammengelegt. Ein Waschlappen, der so einsam und verlassen dalag, war schon längst in meine alte Schilftasche gewandert. Es kamen noch DMC-Garn und zwei kleine Strickdeckchen dazu. Eine Rolle mit schwarzem Nähgarn hatte ich mir auch reserviert. Nur mußte man sich gehörig vorsehen, denn über uns auf einer Galerie patrouillierte der russische Posten hin und her. Nur hinter seinem Rücken war ein Zugriff möglich. Auch unten in der Halle kamen dauernd Kontrollen, die sich aber ab und zu auch Sachen aus den Fächern zogen. Besonders beliebt waren bei ihnen die Hitler-Hemden, von denen nach und nach welche verschwanden. Wenn man aber glaubte sicher zu sein und sich jemand ein Paar Socken anzog, ertönte eine drohende Stimme von schräg oben. Wenn man dann erschrocken nach oben sah, standen da mit erhobenem Finger ein oder zwei Kontrollen. Trotzdem ließen wir uns keineswegs einschüchtern. Mutti zog sich 3 Schlüpfer über und 2 Unterröcke, ich 2 Schlüpfer. Manchmal standen die russischen Soldaten eine ganze Zeit lang bei uns, malten gelangweilt mit offenem Degen am Fußboden und unterhielten sich mit deutschen Flüchtlingen aus der Ukraine. Ein solcher sah mich so scharf und lange an, daß es Mutti ganz angst und bange wurde. Ich merkte es aber nicht, weil ich auf meine Arbeit sah. Da fand ich eine häßliche grüne Bluse. Das einzige, was mir an der gefiel, war der weiße Reißverschluß. Eine Schere hatte ich nicht zum Abtrennen, aber ich half mir mit einer Haarnadel. Nun widmete ich mich den Servietten. Eine wunderschöne damastne Serviette war dabei mit dem Monogramm "Fedor". Nach längerem Sieben fand ich noch drei gleiche Servietten mit dem Monogramm "E.K." Es war also auch Beutegut dabei. Die Schlüpfer trugen übrigens den Fabrikationsstempel "Interlock Nederlande". Ich trennte nun gemütlich ein Stück des Taschenfutters auf und barg auf deren Boden meinen Raub. Ich erinnerte mich einer Sticknadel in einer noch nicht fertigen Handarbeit, und wie sah der Stoff aus? Rot, ja rot, und schon zog ich sie aus dem großen Stoß heraus und richtig, daran fand ich die kleine Sticknadel, mit der ich das Taschenfutter wieder annähte, während ein Russe nicht weit von uns stand, allerdings mit dem Rücken zu uns. Wenn er sich bewegte und man befürchten mußte, daß er sich umsieht, kramte ich wieder in der Wäsche. Kopfschmerzen und Hunger wurden immer größer und mit Schrecken dachte ich an die abendliche Bekrabbelei. Auf keinen Fall wollte ich hier etwa über Nacht bleiben. Überdies konnte ich nicht verstehen, daß manche Leute schon 14 Tage lang freiwillig herkamen. Annegret Werth hatte fast ihre ganze Aussteuer beisammen, hörte ich. Ich sagte zu einem Russen: "golodnii" (hungrig) und "kuschatj" (speisen, essen), denn um 14 Uhr sollte es was zu essen geben. Er sagte: "Nix Uhri! Rabota!", also arbeiten. Mein Gott! Und hier sollte ich es noch bis abends um 7 Uhr aushalten. Aber einfach ausrücken? Dann werde ich vielleicht noch vom Posten über den Haufen geknallt. Na, hier kriegen mich ja keine zehn Pferde mehr her! Endlich war es so weit. Wir mußten lange anstehen. Zaghaft hielt man sein Essentöpfchen hoch und bekam zwei Kellen weißen Pamps hinein. Es war ein Brei aus Grützmehl mit etwas Kartoffeln und Fett; aber es schmeckte nicht. Die ersten, die nach Essen anstanden, bekamen Kohlrabi. Dann gab es orangefarbigen Pudding; aber scheußlich schmeckte der! Die hatten wohl Apfelsinenschalen gekocht. Aber wenigstens war der Hunger gestillt und die Kopfschmerzen vergingen. Um 5 vor 4 Uhr langten wir an unserem Arbeitsplatz an. Ich schwor mir, nichts mehr zu tun, sondern setzte mich auf einen Tisch und schnupperte an einer Schachtel roter Haarpomade. Erika Schulze schenkte mir noch zwei Bleistifte von denen, die sie vor hin im Tornisterlager gefunden hatte. Dann hörte ich etwas von Büchern. Da war ich ganz Ohr. Eine Frau hatte sich einen ganz großen Stoß reserviert, darunter etwas über und von Annette von Droste-Hülshoff, außerdem "Deutsche Heldensagen" (ganz großartig) und "Das war das Ende, von Brest-Litowsk bis Versailles", ein Werk von Bruno Brehm, das 1935 den Nationalen Buchpreis erhielt. Ich erkundigte mich nach dem Buchlager und ging über den Hof. Unterwegs sollte ich schon zum Geschirrtragen eingesetzt werden. Die Bücher waren schon ordentlich aufgestapelt und man wollte mich fortjagen. Ich griff mir schnell eins und hielt Wilhelm Raabes "Chronik der Sperlingsgasse" in der Hand. Wie sollte ich nun am Posten vorbei kommen, der dem Eingang zu unserer Halle gegenübersaß? Ich schlug das Buch auf, blätterte darin, schlenderte am Posten vorbei und schon war ich drin. Ein Füllhalterlager gab es da auch; aber es war schon ausgeräubert. Ich ging eine Treppe hoch. Wenn man dort geradeaus weiter ginge, käme man dort hin, von wo uns die Kontrollposten beobachten konnten, wenn wir unten arbeiteten. Ich bog in einen kleinen Seitengang ein und gelangte zu den Küchengeräten. Was gab es da alles! Auch Radioapparate, auch Eßlöffel, Teelöffel, Messer, Gabeln, Eierlöffelchen, Büchsenöffner, Eierschneider, Eierbecher, Gurken raspeln, Stullenbretter, Thermosflaschen, Kuchengabeln, Stiefelfett, Mottenpulver, Schach- und Halmaspiele, Dame- und Kartenspiele.
Dann ging ich wieder zu den unseren. Mutti war eifrig mit dem Packen von Trainingsanzügen beschäftigt. Mit einemmal sagte sie: "Wir müssen jetzt sofort gehen!" Ja, warum denn? Mir hatte sie doch schon einen mitgebracht. Es gab doch auch nur noch größere Größen. Sie aber hat an Henows Wally gedacht. Im übrigen hatte sie vor kurzem Geburtstag, zu dem wir ihr nur Maiglöckchen schenken konnten. Jetzt mußte es aber fix gehen. Mutti griff nach ihrer Regendecke, die sie sich wegen des schlechten Wetters von zu Hause mitgenommen hatte. Mutti griff noch schnell nach dem von allen begehrten Bademantel, und ich nahm meine Tasche. Wir mußten uns jetzt ganz leise aus dem Staube machen. Die andern getrauten sich nicht mitzukommen, nur Liesbeth Steffin (Kochan). Wir schlängelten uns an den beiden Russen vorbei, die in dem engen Gang standen und wurden dort von Herrn Puffahl erwartet. Also wußte Mutti doch Bescheid. Vorsichtig lugte er aus dem Fenster, dann ergriff er wie ein Dieb einen großen Sechskantschlüssel; die Tür sprang auf und vor uns lag die goldene Freiheit, dazwischen jedoch immerhin Baracken und dann ringsherum ein Zaun.
Mutti und Frau Steffin sahen immer ängstlich um sich; denn jetzt durfte uns niemand so reisefertig antreffen. Wir gingen den vorgewiesenen Weg bis zu den Schienen, dann an den Schienen entlang. Ich schlenderte hinterdrein, und dann verschwanden wir im Walde. Und nirgends war ein Loch im Zaun. Erst kurz vor dem Schilderhäuschen war der Zaun umgebogen, so daß wir drüberweg steigen konnten. Jetzt waren wir gerettet. Auf den Gleisen standen Waggons, allerlei Lumpen, aber auch Bücher waren herausgezogen. Da suchte ich mir noch fix eins aus, doch war es wohl kein so gelungener Griff: "Wege praktischer Menschenführung" von Dipl. Ing Walter Nöthling. Und dazu hatte der Eigentümer das Buch vom Verfasser bekommen, dessen Namenszug ich auf dem Innendeckel fand. Als wir uns zu Hause unserer "Beute" entledigten, sagten wir uns: unseren Lohn für diesen Tag hatten wir weg! Und schon 2 Stunden früher hatten wir Feierabend gemacht! Was wollten wir in dieser Situation noch mehr?
Mit diesen Arbeitseinsätzen war es in anderen Ortschaften viel schlechter. Die Gussower werden gleich drei Tage hintereinander auf dem Gräbendorfer Flugplatz eingesetzt, sind also zwei Nächte von zu Hause fort.
Röwers, Chausseestraße 33, haben uns 2 Pfund Spargel für das neulich im Tiergarten gefundene Jungenshemd geschickt. Schon als ich das Hemd hinbrachte, haben sie sich so gefreut und mir einen ganzen Strauß Maiglöckchen geschenkt.
Nun gingen wir zu Henows. Wally sollte den Trainingsanzug kriegen, weil er nur ihr am besten paßte. Für den Anzug kann Mutti mit Kartoffeln rechnen, denn unser Vorrat geht zur Neige. Tante Marie hat von uns 2 Tüten Gurkensamen bekommen und wir kriegen dafür eine Handvoll Bohnen, die wir setzen können.
Anneliese zeigte mir ihre neuen Pferde. Eins hatte einen durchgebogenen Rücken und ist schon beim Roßschlächter angemeldet. Das Pferd, das so biß, ist Onkel Paul schon los. Nebenan stand noch eine Stute, langbeinig, etwas mager. Sie wird erst herangefüttert und muß noch ein Geschwür ausheilen. Mit den andern beiden Hengsten kam Onkel Paul gerade von der Wiese. Die Senziger Bauern konnten sich einen Abend 14 Pferde, die herrenlos waren, von Königs Wusterhausen abholen. Onkel Paul gehörte nämlich einer Dreierabordnung an und hatte so Gelegenheit, sich zwei schöne Pferde auszusuchen.
Alte Walz, Bismarckstraße 2, und Vater Hellwig, Chausseestraße 38, haben bei Henows neue Zaunpfähle eingebuddelt und Draht besorgt. Walz hat sich auch uns angeboten. Zu essen können wir ihm ja nichts geben; aber wir haben noch die vor den Russen gerettete große Flasche Korn zu ihm gebracht. Er macht bei uns am Luch die erforderliche Menge Holz runter und darf sich die Stubben für den eigenen Verbrauch nehmen. Mit Schmiede-Schulzens, Chausseestraße 31, wurde wegen des Drahts verhandelt. Walz holt ihn hintenlang ab. Na, so sind wir die Sorge mit dem Zaun auch bald los. Die SS hatte ihn während der Kampfhandlungen zerschnitten.
Frau Hoffmann vom Luch, Gräbendorfer Straße, die für die schlimmsten Tage zu ihren Eltern nach Bestensee, an der F 179, das alte Gasthaus im Hintergrund, gegangen ist, ist zurück gekommen und hat ihre Wohnung zum Teil ausgeräumt vorgefunden. In dem zertrümmerten Haus kann sie auch nicht wohnen. Nun hat Tante Marie sie aufgenommen, die ihrerseits Möbelstücke und Geschirr aus der verlassenen Wohnung von Frau Marianne Braun, die das Schuhgeschäft in KW in der Bahnhofstraße, im späteren "Schmalen Handtuch", hatte. Auch Frau Hoffmanns Tochter wurde aus Bestensee geholt. Die Möbel müssen erst alle aus der Nachbarschaft zusammen gesucht werden, weil die lieben Nachbarn annahmen, Frau Hoffmann lebe nicht mehr. Frau Hoffmann ist in Bestensee 6 Uhren losgeworden, bloß, daß ihr die Russen das Mädel nicht anfassen sollten. Sie erzählte, daß bei Halbe eine richtige Schlacht war. Halbe selbst soll unheimlich viele Tote haben. Viele Flüchtlinge, die nicht mehr weiter kamen, haben dort ihr Leben gelassen. Später erzählte man u.a. von einem kleinen Flüchtlingsmädchen, das nur sagen konnte, daß es Inge heiße, aber den Familiennamen nicht wußte. Da man sie in einem Keller gefunden hatte, wurde sie als "Inge Keller" angemeldet. Ich hatte solche Angst um Christa Mollenhauer aus Halbe und Elvira Adelt aus KW. Während Christa alles lebendig überstanden hatte, erzählte man später, daß es keine Lebensspur mehr von Elvi gäbe. Während Frau Adelt unterwegs war, ihrem Mann, der beim Volkssturm eingesetzt worden war, Zivilkleidung zu bringen, hatte sich ihre Tochter mit Gerlinde Cain aus Schwerin bei Teupitz per Fahrrad auf den Weg gen Westen gemacht. Gerlinde hat erzählt, daß sie nicht mehr aus dem Kessel herauskamen, die gepackten Sachen, die auf der Flucht hinderlich wurden, weggeworfen und zuletzt auch die Fahrräder im Stich gelassen haben. Irgendwie verloren sie sich in dem Schlachtgetümmel, und Elvi ist nie wieder aufgetaucht, einfach spurlos verschwunden. Sie stand kurz vorm Abitur und wollte Architektin werden.
Frau Fechtner aus Berlin-Baumschulenweg, Scheiblerstraße 4, kam nach Senzig zu ihrem Siedlungshäuschen und ließ uns von Budachs, Scheiblerstraße 25, grüßen. Budachs hätten sehr viel durchgemacht, mußten sich schon alle ihr Grab graben, weil zwei Russen aus den Häusern her erschossen wurden.
Wir dürfen abends bis 10 Uhr auf die Straße gehen. Der Kommandant ist mit dem Verhalten der Senziger zufrieden und will die Ausgangszeit bis um 11 Uhr abends ausdehnen und endlich ganz fortfallen lassen.
Auch Frau Posner, die vor einer Woche nach ihrer Berliner Wohnung gepilgert ist, ist wieder da. Sie hatte erst einmal gründlich auf räumen müssen; denn in ihrer Wohnung haben drei russische Offiziere gehaust. Weggenommen haben sie nichts, aber die Deutschen haben sich die Federbetten und Küchenstühle geholt. Frau Posner hat aber alles zurückbekommen. Zwei Tage hatte sie noch mit dem Abholen ihrer Lebensmittelrationen zu tun. Brot und Kartoffeln gibt es in Berlin reichlich, Fleisch auch. Sie mußte auch Lebensmittel aus Waggons ausladen helfen. Anstehen gibt es in Berlin nicht. Wenn irgendwo eine Schlange ansteht, werden all die Ungeduldigen mit dem Lastkraftwagen nach Börse gefahren und dürfen dann nach Hause laufen. Teilweise gibt es in Berlin Strom, Gas, Wasser. Die Lichtenberger brauchten ihre Radios nicht abzuliefern. Wer im Rundfunk spricht, weiß man nicht, jedenfalls hetzt der Amerikaner mächtig gegen den Russen, weil der gar keinen Vertrag einhält. Er unterschreibt wohl alles, schert sich aber nicht mehr darum. Und die 4 x 100.000 Amerikaner sind gar nicht in Berlin einmarschiert. Der Amerikaner läßt die Menschen der von ihm besetzten Gebiete hungern. In Berlin ist einer von Karlsruhe am Rhein eingetroffen; er war 17 Tage auf Wanderschaft.
Einige Parteimitglieder wurden verladen und müssen im Oderbruch arbeiten. Die Werwolfbewegung in Berlin Landsberger Allee, hat zwei Russen erschossen. Dafür mußten 6 Häuser geräumt werden, deren Bewohner alle erschossen wurden. Das wäre das Neueste aus Berlin.
Gestern war nun Pfingsten. Gemerkt hat man nicht, daß Feiertag war. Ich habe Monogramme Abends bekamen wir Besuch, und wer war das? Anneliese und Onkel Richard. Sie sind 4 Stunden von Baumschulenweg bis Königs Wusterhausen gelaufen. Sie haben sich ja so gefreut, daß wir ihnen die Möbel und Sachen retten konnten. Allerdings haben wir ein postkartengroßes Führerbild, die Noten des Horst-Wessel-Liedes, die die Russen herausgezerrt haben und aufgeschlagen dalagen und mit SA-Leuten und Hakenkreuzfahnen bedruckt waren, vernichtet. Aber die kämpfende Truppe hatte es wohl sehr eilig und hatte die Bedeutung vielleicht nicht erkannt. Trotzdem wollten wir uns dadurch nicht gefährdet wissen. Vorläufig soll alles hier bleiben, falls Onkel Richard als Parteimitglied die Wohnung für Juden räumen muß. Es sollen nämlich mehrere tausend Juden nach Deutschland kommen, und die Häuser, die noch stehen und bewohnbar sind, sind zu zählen. Die Innenstadt wird wohl nie mehr aufgebaut werden können. Straßenbahn und U-Bahn fahren nur streckenweis; die S-Bahnschienen werden zur Ausbesserung der Strecke Schlesischer Bahnhof - Frankfurt/Oder gebraucht. Die Angaben über die Versorgungslage stimmen mit denen von Frau Posner überein. Radios haben die Baumschulenweger abliefern müssen; aber sie bekommen ein russisches Zeitungsblatt in deutscher Sprache. Nicht ein Foto findet man darin. Technisch sind die Russen doch noch sehr weit zurück. Es sind alles nur gemalte und vervielfältigte Bilder. Ob Hitler noch lebt, weiß man nicht. Seine Leiche wurde jedenfalls nicht gefunden. In Berlin wurden 70.000 Gefangene gemacht. Sie sind nicht nach Sibirien verschleppt worden, sondern arbeiten auf deutschen Gütern und Bauernhöfen und sollen demnächst entlassen werden.
Nun erzählten uns Budachs erst mal, wie es ihnen selbst ergangen war. Onkel Richard sah sehr angegriffen aus. Berlin hatte noch viele Fliegerangriffe. Bei Artilleriebeschuß stand die Bevölkerung nach Lebensmitteln an. Dabei gab es schon zahlreiche Tote. Der Feind setzte auch die Stalinorgel ein. Es war die Hölle auf Erden. Onkel Richards Vater aus Vogelsang ,bei Fürstenberg/Oder, war nach Berlin geflüchtet und starb noch in den Kampftagen. Onkel Richard bot einem Tischler Schnaps und Zigarren an, so daß er bereit war, einen Sarg zu zimmern. Der Tote lag im Krematorium in einem Leihsarg, wurde dann umgesargt. Dann kamen die Russen, und am 4. Mai wurde er beerdigt. Berlin hatte sich auf mindestens zwei Monate Verteidigung eingerichtet. Die Russen waren schon in Baumschulenweg; da stießen von der Waffenmeisterschule Treptow deutsche Panzer vor und drückten die Russen weit zurück. Die Deutschen kämpften wie die Teufel.
Also, am Dienstag, dem 24. April, drangen die Russen gegen 1/2 10 Uhr in Baumschulenweg ein. Sie kamen vom Hof her in die Luftschutzkeller. Es ging alles so einigermaßen. Im Hausflur lag aber ein toter Russe. Auf der Straße lag die Blutlache, und die Russen brachten ihren toten Kameraden in den Hausflur Nr. 25. Niemand rührte ihn an. Onkel Richard und noch ein Herr aus Nr. 25 wurden von zwei russischen Offizieren angesprochen; sie unterhielten sich mindestens 1/2 Stunde lang. Die Offiziere boten auch den beiden Deutschen Zigaretten an. Da kamen ein Russe und ein Flintenweib auf den Hof gelaufen, fragten, wo der Luftschutzkeller vom Nachbarhaus wäre und gingen hinein. Es dauerte nicht lange, da kam die uniformierte Russin mit gezogener Handgranate aus dem Keller unter schrecklichem Geschrei gestürzt. Ein Bewohner des Nachbarhauses hatte den Russen erschossen, dann seine Frau und sich selbst. Auf das entsetzliche Geschrei hin fand sich eine ganze Meute Russen ein. Die Russin schrie immer: "Ein Ruski kapuut, hundert Deutsche kapuut!" Onkel Richard und der andere Herr wurden dauernd mit dem Gewehr bedroht, und die Russen fuchtelten mit ihren Pistolen herum. Auch mit den Gewehrkolben wurden ihnen Schläge versetzt. So wurden sie in den nachbarlichen Keller gestoßen, immer den Gang entlang als Kugelfang. Sie riefen: "Achtung! Nicht schießen! Hier kommen Deutsche!" Onkel Richard wurde seitwärts in eine Nische gestoßen und stand plötzlich vor dem toten Russen, der an der Wand lehnte. Nun wußte er erst, was los war. Er wurde auf den Hof gestoßen; dauernd legten die Kerle auf ihn an, bis der Offizier, der sich zuvor 1/2 Stunde lang mit ihm unterhalten hatte, Einhalt gebot. Immer wieder kamen neue Trupps und durchsuchten Nr. 25 und fanden im Hausflur den toten Russen von der Straße. Nun war es ja gänzlich aus! Vor allem war es mit der Verständigung so schlecht. Onkel Richard sollte erschossen werden und verabschiedete sich von Tante Anna und Anneliese. Der bewußte Offizier bewahrte ihn aber davor. Den Schuß, der ihm gelten sollte, gaben sie aber dann in die Luft ab. Daraufhin kam Anneliese herausgestürzt, und die ganze Meute warf sich ihr entgegen. Sie aber rief nur immer: "Mein Vater! Laßt mich zu meinem Vater!" Sie wurde aber zurück gehalten und bekam den Befehl, alle anderen von Nr. 25 aus dem Luftschutzkeller zu holen. Sie drängte auch zur Eile, sonst hätten sie Onkel Richard vielleicht inzwischen doch noch erschossen. Nun mußten sie ein Grab schaufeln, den Russen beerdigen und ein Denkmal setzen, daß zwei Russen drin liegen, sonst ginge das Haus in die Luft. Die Kerle machten die Bewegung des Ansteckens. Anneliese suchte schnell einen roten Lappen, heftete einen fünfzackigen Pappstern drauf, flocht einen Eichenkranz und schrieb auf eine Tafel: "Hier ruht ein russischer Soldat, gefallen im Straßenkampf" - dann folgte das Datum.
Zum Verhör wurden sie auch noch fortgeschleppt, von dem sie erst nach Mitternacht zurück kamen. Von dem toten Russen aus Nr. 25 war der Name nicht zu ermitteln. Im Nachbarhaus war der andere Tote plötzlich verschwunden. Nun kamen die Russen und brachten sogar des Toten Namen. Scheinbar haben die Bewohner des Nachbarhauses aber, um die Sache aus der Welt zu bringen, den Russen verscharrt, vielleicht auch noch ganz unwürdig in der Müllkute oder sie können gar nicht mehr seiner habhaft werden, weil sie ihn vielleicht in den Kanal gestoßen haben. Budachs wußten es ja nicht. Jedenfalls weiß das Nachbarhaus jetzt plötzlich nichts mehr von seinem Toten. "Was, bei uns ein Toter?" "Na ja", sagte Onkel Richard, "wissen Sie denn nicht mehr, daß Sie eins mit dem Gewehrkolben gekriegt haben, als der Tote hier im Keller lag und der und der hat ein blaues Auge?" Als alles Leugnen nichts mehr half, wiesen sie auf das Grab von Nr. 25 hin, in dem aber doch nur der Tote von Nr. 25 lag. Zuletzt meinten sie, es wäre ihr Toter und nicht der von Nr. 25. Um endlich einmal Klarheit zu schaffen, ging Onkel Richard auf die Kommandantur und gab den Sachverhalt wahrheitsgemäß zu Protokoll. Als er ging und kam, steckten alle Köpfe des Nachbarhauses aus den Fenstern.
Das Postamt, in dem Onkel Richard als Oberpostsekretär angestellt war, wird notdürftig wieder hergestellt. Onkel Richard hat immer nur 4 Stunden Dienst. Anneliese mußte für die Russen Schutt tragen, als sie gerade einkaufen gehen wollte. Eine Russin hielt sie auf der Straße an. Als Anneliese sagte, sie bekäme nun nicht das aufgerufene Butterschmalz, weil sie sich nicht anstellen könne, ging die Russin mit ihr in den Laden und rief: "Schnell, schnell, Fräulein bedienen, Fräulein muß arbeiten, aber schnell!" So hatte doch Anneliese wenigstens ihr Butterschmalz, mußte aber von 9 Uhr bis 15 Uhr arbeiten.
Budachs sind auch bei Masuhrs in Adlershof, Arrasstraße 72, vorbei gekommen. Also hätten wir nun auch von Masuhrs ein Lebenszeichen.
Onkel Richard erzählte, daß alle Ruhegeld- und Rentenempfänger ihre Renten anmelden müssen. Wieder ein kleiner Hoffnungsfunke für die alten Leutchen. Heute früh machten sich Onkel Richard und Anneliese wieder auf den Heimweg.
Anneliese hat mir wieder ein paar Bücher geschenkt. Apropos Bücher - in Berlin hatten Annelieses Bücher im Keller all die Sachen von den Leuten vor der Zerstörungswut der Russen gerettet. Sie standen vornan. Und als die Russen so ungefähr 12 Bücherkisten ausgeschüttet hatten, war der Zugang in den Keller zugeschüttet.

Mo. 28. Mai 1945

Mister Churchill soll zurückgetreten sein und Amerika seine Gesandten aus London zurückgezogen haben. Es heißt auch, die Russen würden sich an der Elbe verschanzen, und sobald sich der Amerikaner rührt, würden sie schießen.
Unsere Uhren wurden auf russische Zeit gestellt. Wir mußten sie also noch eine weitere Stunde vorstellen, also 2 Stunden vor mitteleuropäische Zeit. So lange hatten wir deutsche Sommerzeit. Unsere Ausgehzeit ist jetzt unbeschränkt.
In Berlin macht sich wieder der Werwolf bemerkbar. Die Russen ergriffen jetzt Gegenmaßnahmen: Wird aus einem Haus geschossen, werden aus diesem Hause alle Männer erschossen. Max Fischer, der Schwager von Frau Johanna Hübner, Chausseestraße 70, möchte am liebsten nach Senzig kommen, auch wenn er hier nichts zu essen bekäme und verhungern müsse. Er fühlt sich in Berlin überhaupt nicht mehr sicher.
Vorgestern abend sind wir nach Deutsch Wusterhausen gewandert. Im Tiergarten stehen unzählige ausgeplünderte Autowracks. Gelbrechts Haus, der Schweizer Hof, ist völlig ausgebrannt. Die Notte-Brücke, die beim Eindringen der Russen auf deutschen Befehl gesprengt wurde, ist jetzt behelfsmäßig mit Holzstiegen hergestellt. Schloßplatz und Schloßhof sehen wie Rummelplätze aus. Überall stehen bunte Plakate und Schilder. Auf einem Sockel mitten auf der Straßenkreuzung steht ein Russe mit gelber Flagge und regelt den Verkehr, von dem man so gut wie gar nichts spürt. Nebenbei steht ein Stuhl.
Kühnes sind noch alle mobil. Deutsch Wusterhausen wurde auch am 26. April eingenommen. Onkel Hermann wurde nach Ragow und dann weiter nach Mittenwalde geschleppt, hat sich aber in einem unbewachten Augenblick selbständig gemacht mit Kurs Heimat. Tante Minna und Gretchen mit dem Kleinen wollten nicht allein zu Hause bleiben, sondern sind zu Krefelds gegangen. Die Russen haben mächtig im Hause gewütet, verschiedene Hausgeräte und Wäschestücke mitgenommen und zwei Kellertüren eingeschlagen. Onkel Hermann konnte von Flüchtlingen eine junge Milchziege für 170 Mark kaufen. Wieder andere Flüchtlinge haben zwei Hühner zurückgelassen. Tante Minna hat uns viele Suppenwürfel, Tomatenpflanzen und Salz mitgegeben; denn Mutti hat für Onkel Hermann Handschuhe gestrickt.
Tante Lieschen aus Zeesen war gestern abend wieder hier. Die Russen haben erneut bei ihr geplündert. Mit den Lebensmittelzuteilungen ist es geradezu katastrophal. Für die ganze Woche gibt es nur 200 oder 250 g Brot, 100 g Fleisch oder Blutwurst und ca. 4 Pfund Kartoffeln. Es ist zum Verhungern. Oma und ich, wir konnten gut einteilen, aber Mutti hat fast alles mit einem mal verschlungen. Ab und zu kam sie dann zu mir und bekannte: "Hannelie, ich muß dir was sagen..." und da wußte ich schon Bescheid. Ich hatte auch schon kleine Schildchen mit der Aufschrift "Oma", "Mutti", "ich" mit jeweils einer Stecknadel ins Brot gesteckt, aber das nützte nichts. Es war nur immer gut und für sie wahrscheinlich ziemlich schwer, es mir immer zu sagen. Wir waren aber berechtigt, für den Hund, um den sich Tante Marie nicht kümmerte, Futterfleisch abzuholen, da wir diesen kleinen Dackel als Wachhund angemeldet hatten. Früher hat er immer angeschlagen, doch als die Russen kamen, war er instinktiv mucksmäuschenstill. Er klagte und bettelte auch nicht, wenn wir nichts zu essen hatten. Er lag nur ganz still und traurig da. Das Fleisch, das wir ab und zu beziehen durften und von Siedlung Krüpelsee abholten, hat oft schon gestunken, doch haben wir es für ihn gekocht. Einmal war es ein großer Batzen, der schwarz war und dessen Fasern bereits zerfielen. Das war viel zu viel für ihn. Da kriegte ich Appetit drauf, hielt mir die Nase zu und aß ein Teil davon. Oma und Mutti waren entsetzt, aber ich konnte nicht an mich halten und meinte: "Ist mir ganz egal! Ich will mich nur einmal richtig satt essen!" Es hat mir auch nichts geschadet.
Mit der Zeit ging unser Salzvorrat zu Ende. Unsere Kartoffelreibesuppe, die sich durch den Stärkegehalt so schön glibberig verdickte, aßen wir dann ohne Salz, doch hielten wir das gesundheitlich nicht aus. Da kam ich auf den Gedanken, von meinen zwei Klumpen Rohsalz, das ich mir 1942 aus dem Salzbergwerk Berchtesgaden mitgebracht hatte, nur ein ganz kleines rötliches Stück als Andenken zu behalten und das andere alles herzugeben, damit wir es aufkochen konnten. Abgeschäumt fügten wir unserm Essen immer ein wenig zu. Das hielt lange vor. So stümperten wir uns von Tag zu Tag durch.
Wie sich aber herumsprach, kommen die, die in der Gemeindeverwaltung arbeiteten, jeden Tag mit einer Tasche voll Brot an. Beim Wegmann werden viele Zentner Kartoffeln abgeladen, und es wird dort für die "Schwerarbeiter" von der Gemeinde gekocht. In der Verwaltung werden dicke Zigarren geraucht und es wird auch Konfekt gegessen. Die Frauen aus dem Ort, die sich in der Gemeindeverwaltung über die knappe Zuteilung beklagten, wurden rausgeworfen. Frau Wurche hat neulich ihren Kriegsschaden angemeldet. Da hieß es: "Ach so, Sie sind Frau Wurche! Sie haben doch in den Sammellisten immer gleich 5 M gezeichnet! Und daß die Russen ihre Wohnung geplündert haben, schadet Ihnen gar nichts!" Frau Wurche hat nämlich deshalb so viel gegeben, weil ihr Mann noch hier arbeiten durfte, während andere Männer schon lange an der Front standen. Sie erzählte Mutti, daß sie sich schon seit langem gezwungen sieht, die Pellkartoffeln am Familientisch abzuzählen, damit jeder die gleiche Anzahl bekommt. Als die Kinder ihre Kartoffeln verzehrt hatten, hatten sie noch solchen Hunger, so daß sie auch noch die Pellen aßen.
Hoppe fährt hier vorbei wie Graf Koks von der Gasanstalt. Sonst hat er den Mund nicht aufgekriegt, doch jetzt blökt er immer so über die Straße. Er hat sein Lebtag noch nichts so richtig getan, der Tagedieb; er hat nur immer krank gespielt.
Schyia, Ortseingang, Deserteur aus dem I. Weltkrieg, ist ein ganz strenger Kommunist. Als Frau Schust, Gräbendorfer Straße, ihm sagte, die Russen hätten ja seine Wohnung auch nicht verschont, antwortete er sinngemäß, die Sache wäre ihm das schon wert!
Die Frauen, die bei Henatsch, Chausseestraße 191/192, Kartoffeln verlesen, bekommen für ihre Arbeit 20 Pfund. Wo bleibt da die gerechte Verteilung?
Inge Henniger saß gestern bei einem Russen auf der Lenkstange und ist mit ihm die Straße entlang gefahren.
Herr Grohmann darf in seinem eigenen Hause, Chausseestraße 59, nur noch über zwei Zimmer und Küche verfügen. Die Gaststube und den Saal hat man ihm weggenommen. Über dem Eingang steht "Stern-Kino", und zu beiden Seiten prangt ein roter Sowjetstern. Schon in der ersten Woche läuft der erste Film an. Es wird der Bevölkerung gezeigt, wie es unsere eigenen Soldaten in Rußland getrieben haben. In Königs Wusterhausen wird "Sonne über Moskau" gezeigt. Leute, die heute am Zaun vorüber gingen, erzählten, daß die Hitler-Jugend aus einem Berliner Stadtgebiet in Lager gebracht werden soll.
Die Bauern werden wohl in diesem Jahr kein Heu bekommen. Bei Henatsch haben die Russen über 30 Schweine und viele Kühe, die sie auf Lehnigks eingezäunter Wiese und auf Henows und Schmohls Spanwiesen weiden. Einen Tag mußte eine Kuh aus dem Sumpf gezogen werden und jetzt ist schon wieder eine eingesunken, die deswegen geschlachtet werden mußte. Von Wulwes-Schulzen haben die Russen schon wieder zwei Stück junges Rindvieh geholt.

Fr. 01. Juni 1945

Wir waren Anfang Juni 1945 zum Kino. Kiper, der Opern- und Operettensänger, hat seine Filme rollen lassen. Es war sehr schön. Vor allem interessierte uns ein Film aus Senzig. Wir sahen auch noch Horst Schmohl, Lindenstraße 11, bei der Ernte auf dem Felde. Seine Mutter kam mit dem Erntetrunk. Horst war schon Anfang des Krieges gefallen. Es berührt einen ganz komisch, zu sehen, wie er leibt und lebt.
Der Farbfilm "Annelies und Lieselott auf dem Lande" war allerliebst. Es waren Mielsen Schulzes Zwillinge, die neben dem Dorffriedhof wohnen, Chausseestraße 44. Auch der Film vom Botanischen Garten erfreute uns durch seine Farbenpracht.
Es kam Bier angerollt für Senzig. Wegmann als Ernährungskommissar legte die Hand drauf und beschlagnahmte das Bier für die Gemeinde. Bei Wegmann ging es bis nachts um 1 Uhr hoch her und dann noch bei Richter, Wacholderweg, wo jetzt der Glaser wohnt; dort ging es die ganze Nacht durch, wurde erzählt. Der Radke, der immer eine Braut nebenbei hat, sagte in seinem Suff zu dem Dienstmädchen von Richter, sie solle mit ihm mitkommen. Da sie sich weigerte, meinte er, wenn die Russen sie aufforderten, müsse sie ja auch kommen.

Sa. 02. Juni 1945

Am 2. Juni 1945 wanderten wir nach Wildau und Zeuthen. Aus meinem Schreibtisch in Wildau holte ich mir meine Bücher. Na, im Büro sah es ja toll aus! Auf dem Flur war jeder Garderobenschrank zerschlagen. Ich ging noch zu Herrn Jahrmärker mit ran, der der Post gegenüber wohnte. Von ihm erfuhr ich, daß Generaldirektor Stamm und Ditschler in Schwiebus wären.
Pfaffs in Zeuthen, Lindenellee 25, erzählten uns, daß die Russen schon am Mittwoch, dem 25. April, zu ihnen gekommen waren. Am Mittag, ehe sie da waren, holten die Zeuthener Frauen die Panzersperren fort. Am Nachmittag kamen die Russen, und die Leute gingen ihnen entgegen. Pfaffs sind nicht eine Stecknadel losgeworden; allerdings mußten sie mit einem russischen Major essen und Rotwein trinken. Auf dem Rückweg trafen wir in Senzig Frau Henatsch, die ihre Villa räumen mußte. Sie erzählte von einer Bekannten, die Schauspielerin war und im Kriege technische Zeichnerin wurde. Deren Betrieb soll nach Minsk verlagert werden mitsamt den Werksangehörigen. Sie wollte davon befreit werden und begründete ihr Gesuch damit, daß sie auf ihren Mann warte. Darauf sagte man ihr ganz freundlich, sie könne auch in Rußland heiraten. Als sie zu verstehen gab, sie wäre ja bereits verheiratet, entgegnete man, daß das gar nichts zu sagen habe.
Unsere Sirene ist wieder in Aktion getreten. Sie tutet morgens um 7, mittags um 12 und abends um 7 Uhr.
Das Verlöbnis Helga E./Kommandant ist in die Brüche gegangen. Des Kommandanten Auto steht jeden Morgen vor dem Haus, in dem Frau Sch. wohnt, Chausseestraße. Die Kinder brauchen keine trockenen Stullen mehr zu essen. Sie haben immer Marmelade auf dem Brot.
H. war hier und fragte nach politischen und militärischen Büchern, auch nach Hitlers "Mein Kampf". Ich konnte ihm sagen, daß ich das weder gelesen noch überhaupt in der Hand gehabt habe. Meine Bücher über "Widukind" und "Hermann, den Cheruskerfürsten" und Bernhard Ramckes "Vom Schiffsjungen zum Fallschirmjäger-General" hatte ich schon neu in Packpapier eingeschlagen, außen nicht beschriftet und in eine extra Kiste gelegt.
Unsere Volksbücherei wird neu gestaltet und ist jetzt in der alten Schule, nicht mehr im Feuerwehrhaus. Ein belesenes Ehepaar, das im Haus hinter der neuen Schule wohnt, Lindenstraße 21, wurde für diese Arbeit eingesetzt. Ihn, den Herrn Kulicke, nannte man sowieso schon den "Bücherwurm". Sie brauchten noch jemanden, der Schreibmaschine schreiben konnte. So machte auch ich ehrenamtlich mit. Ich hatte aber nur zu schreiben und nichts zu melden. Auch diese Leute hatten wohl nichts zu sagen; die Bestimmungen kamen wohl vielmehr von den Parteien. So flogen sämtliche Bücher von Dichtern und Schriftstellern raus, die ein "von" vor dem Namen hatten, also adlig waren. 60 Bände, die das Gesamtwerk Goethes beinhalteten und noch zu Goethes Lebzeiten in der Cottaschen Verlagsbuchhandlung erschienen waren, wurden zum Einstampfen abgeliefert. Ich glaube, nur ich erkannte den Wert. Dann stutzte ich beim Schreiben der Fontane-Titel. Ich hätte laut auflachen können. Da hieß es doch allen Ernstes "Schlacht von Wuthenow" statt "Schach von Wuthenow". So hieß nämlich der Gutsherr, über den Theodor Fontane schrieb. Stillschweigend schrieb ich das richtig, obwohl mir zu Hause dann doch Bedenken kamen, zumal ich das Buch noch nicht gelesen hatte und nur in einem anderen Fontanebuch nachsehen konnte, wo ganz hinten weitere Bücher von ihm aufgeführt waren. Solchen Schnitzern in der vorliegenden Kladde begegnete ich noch ab und zu.

Do. 07. Juni 1945

Am 7. Juni 1945 wurde Mutti zum Arbeiten bestellt, und zwar fuhr sie mit dem Versorgungsauto mit nach Schöneiche bei Zossen zum Salatstechen. Eine kurze Pause in Schöneiche benutzte sie dazu, zu ihrem Onkel Karl, dem Bruder ihres Vaters, zu gehen, der sie auch gleich erkannte, sich aber nach seiner Art gar nicht von seinem Sitz am Tisch erhob, sondern weiter aß. Mutti hat 70 Pfund große Kartoffeln bekommen. Auf dem Hof, der zum Salatfeld gehörte, suchte sie noch etwa 30 Pfund Kartoffeln und viele Zwiebeln aus einem Haufen heraus, der wahrscheinlich auf den Mist sollte. Zum Frühstück gab es 5 Schnitten Brot und 3 Ölsardinen. Mutti aß nur trockenes Brot und brachte die Ölsardinen mit. Da hatten wir alle drei mit Pellkartoffeln ein schönes Mittagessen. Vorher hat Mutti schon bei Wegmann zwei Portionen Mittagbrot mit Pferdefleisch gegessen.

Fr. 08. Juni 1945

Am 8. Juni 1945 war Frau Ilse Schust, Gräbendorfer Straße, hier und hat von den Schreckenstagen erzählt. Wir waren alle so geschockt, daß wir nachts nicht schlafen konnten.

Sa. 09. Juni 1945

Am 9. Juni 1945 las ich die Zeitung vom 7.6. Darin stand der Bericht über die bedingungslose Kapitulation Deutschlands. Diese Urkunde haben der russische General Shukow und der deutsche General Keitel unterzeichnet. Danach soll Deutschland 75 Jahre lang kein Militär mehr haben.

Mo. 11. Juni 1945

Am 11. Juni 1945 war ich mit Ruth Havernann (Chausseestraße 65) bei Schwartzkopff in Wildau. Ich bekam für April 1945 noch einen Gehaltsabschlag von 100 M. Herr Eckhardt, unser letzter Chef nach Herrn Eversmann, und Herr Söder waren im Büro mit den Zeichnungen beschäftigt. Eckhardt sprach nur noch von Nazi-Schweinen. Er bedauert nur seine Tochter, die in anderen Haushalten arbeiten muß. Ich traf auch Herrn Pollnow, der mir er zählte, daß Herr Rudolph, Fräulein Fürstenberg, Fräulein Dillan auch schon da waren. Herr L. hat sich mit seiner Familie erschossen. Auch Eva R. soll tot sein. Ihr Vater hat die ganze Familie und sich erschossen. Herr Jahrmärker ist nun Pförtner geworden.
Abends sahen wir aus dem Fenster und hörten von Wegmanns her wieder Tingeltangel-Musik.

Mo. 18. Juni 1945

Nachdem ich am 18. Juni am Schiedeholz Flachs wieten war und am Busch heuen, war ich noch einmal Wasserrüben wieten. Mutti ist fast jeden Tag drüben und hilft. Sie bekommt dafür Gemüse und auch mal ab und zu Milch.
Ich lese viele Bücher und lerne auch, sogar beim Bohnenschnippeln Gedichte. Jetzt habe ich gerade Rudolf G. Bindings "Erlebtes Leben" gelesen. Ich helfe auch Herrn Kulicke in der Bibliothek bei der Bücherausgabe. Da lerne ich Bücher und auch andere Menschen kennen.
Am 18. Juni 1945 bestellten uns Henows zum Wieten nach Lange Luch. Wir mußten nach dorthin laufen. Es wurde Flachs gewietet. An diesem Tag war eine fast unerträgliche Hitze. Zum Kaffee bekam jeder eine Schinkenstulle mit Butter, eine Fettstulle und eine Sirupstulle. Ach, wie gut das schmeckte! Dann kam Onkel Paul angefahren, mähte Futtergetreide und lud es auf. Auch wir fuhren so gegen 7 Uhr abends mit dem Wagen ins Dorf.

Di 19. Juni 1945

Am nächsten Tag, 19. Juni 1945 wurde der Acker bis abends 6 Uhr fertig. Wir aßen zwei Fett- und eine Sirupstulle.

Mi. 20. Juni 1945

Am 20. Juni 1945 wurde geheut. Wir wurden für zwei Stunden von 5 bis 7 Uhr zum Kehren bestellt. Es war Greian-Schulzens Wiese, von Lindenstraße 8. Da Henows dieses Jahr wahrscheinlich gar kein Heu von den Spanwiesen und Rieselfeldern bekommen, wollen Grelans ihnen ein paar Fuhren Heu abgeben, wenn ihnen Onkel Paul dafür Seradella gibt, die ihnen fehlt. Wir wurden zum Abendbrot eingeladen. Es gab Pellkartoffeln mit Fett und weißem Käse.

Do. 21. Juni 1945

Am 21. Juni 1945 wurde das Heu noch einmal gekehrt, dann in Haufen zusammengetragen und eine Fuhre geladen. Die Sonne stach immer so vom Himmel herab. Ich hatte nur Turnhemd und Turnhose an. Wir mußten laufen und manchmal, wenn der Weg so sandig war, schieben helfen, denn das eine Pferd konnte es nicht schaffen. Es brach einmal zusammen und mußte erst ausgeschirrt werden, ehe es wieder hoch kam. An dem Tag gab es drei Schinkenstullen.
Am Aushängebrett war ein Zettel, auf dem bekannt gegeben wurde, daß die Post wieder eröffnet werden sollte und zwar schon nach zwei Tagen, obwohl Mutti davon gar nichts wußte. Sie ging zu Herrn Blum nach KW und mußte erfahren, daß die Senziger Gemeinde meiner Mutter nicht mehr die Post geben will, da sie in der Frauenschaft gewesen sein soll. Am Montag ging Mutti zur Gemeindeverwaltung, konnte aber nichts ausrichten.
Nach und nach erfuhren wir erst alles. In einer knappen halben Stunde entwarfen wir folgenden Brief:
27. 6.45
"Herrn Landrat des Kreises Teltow
T e l t o w
Kantstr. 43
Betr. : Zweigpostamt Senzig
Da ich mich veranlaßt sehe, Ihre kostbare Zeit in Anspruch zu nehmen, möchte ich Ihnen einiges darlegen: Es handelt sich um das Zweigpostamt Senzig.
Vom 1. Juli 1936 bis 21. April 1945 habe ich das Zw. Pa. Als Zweigpostamts-Vorsteherin geleitet. Die mir übertragenen Arbeiten habe ich gewissenhaft und zur größten Zufriedenheit des Pa in KW ausgeführt. Da ich fest annahm, im Amt zu bleiben - wie mir auch vom Pa KW zugesichert wurde - bekam ich zu meiner größten Enttäuschung vom Herrn Bürgermeister in Senzig einen ablehnenden Bescheid. Als Grund wurde mir vorgeworfen, daß ich in der Frauenschaft war. Ich möchte hiermit richtigstellen, daß ich dem Frauenwerk seit dem 1.5.37 angehörte, und zwar auf wiederholtes Drängen des Pa KW. Hierzu möchte ich bemerken, daß die Senziger Schulkinder sogar von Frauen aus Partei und Frauenschaft unterrichtet werden.
Ich bitte den Herrn Landrat zu entscheiden, ob ich nicht da als Frauenwerksmitglied für das Pa Senzig infrage käme. Wie ich unterrichtet bin, war das Frauenwerk im Gegensatz zur Frauenschaft nicht der NSDAP angegliedert. Die Konferenz auf dem Gemeindeamt hat ergeben, daß mein Posten von dem jetzigen Polizeipräsidenten, Herrn Gustav Radke, übernommen wird; die Postzustellung soll ein Herr Gebauer aus führen.
Ich selbst bin 16 1/4 Jahre Witwe und war zu einem Erwerb für mich und mein Kind gezwungen. Für die Post mußte ich einen Raum stellen und mit Haus und Hof dafür haften. Meine ganze Kraft habe ich nur in den Dienst der Deutschen Reichspost gestellt und war in den 9 Jahren nicht einmal krankgeschrieben.
Hat Herr Radke eine Bürgschaft dafür? Seine Existenz ist doch schon durch seinen Polizeipräsidentenposten gesichert. Jegliche Auskunft über mich erhalten Sie beim Pa in KW. Bis zum heutigen Tage bin ich ehrlich durchs Leben gegangen, habe mir keine Möbel zusammengetragen und nicht von Krankengeldern gelebt.
Während wir heute mit sehr geringer Lebensmittelzuteilung auskommen müssen und die Senziger Einwohner trotzdem vor bildliche Haltung bewahren, obwohl etliche, darunter auch ich, schon im Geschäft vor Hunger umgefallen sind, erhalten die auf dem Gemeindeamt Beschäftigten neben warmem Mittagessen eine laufende überaus reichliche Sonderzuteilung, deren Höhe Ihnen, Herr Landrat, bekannt sein dürfte.
Eine Abschrift hiervon erhält der Herr Oberbürgermeister in KW.
Hochachtungsvoll!
Gez. Ww. Hedwig Henow."
Damit gingen wir zur Gemeindeverwaltung, wurden aber vom Bürgermeister nicht empfangen, da dieser wohl angeblich eine Konferenz halte. Da der Brief aber für den Bürgermeister sicherlich auch von Bedeutung ist, schickten wir ihm diesen durch Frau Werth zum Lesen. Sie kam mit der Antwort zurück, die Angelegenheit würde über Herrn Blum mit dem Landeshauptmann geklärt werden; man sollte nicht vorgreifen und damit die einzelnen Dienststellen belasten. Da wir sowieso auf dem Wege waren, gingen wir zu Curts Zinsen zahlen und gaben ihm mal diesen Brief zum Lesen. Er sagte, daß das die volle Wahrheit sei; wir sollten uns nichts gefallen las sen. Liesbeth Sabac el Cher, seine Tochter, schimpfte auch mächtig auf diese Brut. Dann gingen wir zum Postamt KW konnten aber Herrn Blum nicht mehr antreffen. Herr Glabsch, der mit Herrn Blum zusammenarbeitet, las den Brief und sagte, er fände darin alles bestätigt, was er sich nur denken konnte. Er erzählte auch, daß fast alle Postämter so besetzt bleiben, wie sie es waren. Wenn jemand in der Partei war, könne man ja dagegen nichts machen. Am meisten imponierte ihm der Bürgermeister von Schenkendorf. Er meinte, die Post bleibe so, und als er wegen Parteizugehörigkeit gefragt wurde, antwortete er: "Na ja, der Mann war in der Partei, die Frau in der Frauenschaft. Macht nichts; ich stehe für beide gerade!" Herr Glabsch führte weiter aus, daß Senzig schon immer eine Sonderstellung eingenommen hätte und zwar in jeder Beziehung. Die Bürgermeister von Senzig waren schon immer für Quertreibereien bekannt. Nehmen wir die Post: Das Senziger Postamt stand von 22 Postämtern an erster Stelle. Jetzt hatten Herr Blum und Herr Glabsch den Senziger Bürgermeister schon so weit, daß er das Protokoll unterschreiben wollte; aber da kam der lange Radke und stellte sich ganz entschieden dagegen. Beiden schien es so, als wolle der lange Radke die Post für sich haben. Es war aber ein anderer vorgeschlagen worden, dessen Namen wir aber noch nicht erfahren konnten. Dieser uns Unbekannte zögerte, da man ihm sagte, Senzig sei ein großes Postamt. Darauf hin meinte der lange Radke: "Mensch, du wirst doch wohl noch´nen Brief und ´ne Karte annehmen können!" "Ja", meinte Herr Blum, "das ist die Arbeit, die das Publikum immer sieht; die hauptsächliche Arbeit kommt hinterher!" Schon das ganze Benehmen paßte Herrn Blum nicht, und ihm liegt ja auch daran, mit Fachkräften zu arbeiten. So wird die Eröffnung der Post möglichst lange hinausgezögert, bis ein neuer Bürgermeister kommt. Die Post wird dann wieder an Mutti vergeben und auch das alte Personal kommt wieder rein.
Notizen:
Der Pole jagt die Menschen aus ihren Städten und geht sogar noch weiter, als ihm der Russe erlaubt.
Der Gemeindesekretär hat zu einer Frau, die sich über die katastrophale Zuteilung für Kinder bei ihm beklagte, gesagt, das stehe ja nun mal schon sowieso fest, daß die kleinen Kinder aussterben werden!
In der Gemeindeverwaltung essen sie Ölsardinen und Eier, heißt es. Die kleine Frau H. hat gesehen, wie R. bei sich zu Hause eine Kiste Ölsardinen mit 100 Büchsen abgeladen hat. Sie sollte eingesperrt werden, weil sie derartige Dinge behauptet. Sie ließ sich aber nicht einschüchtern, sondern folgte der Vorladung aufs Amt und gab das, was sie gesehen hatte, zu Protokoll. Daraufhin hat sich nichts mehr gerührt. Franz H., Chausseestraße 35, wurde gesehen, als er mit einem Mehlsack auf dem Rücken von übern Berg her nach Hause ging.
In einer Zeitspanne von etwa 5 Wochen wurden von Curts, Schnicks und Golenzens je ein Kalb abgeholt, von denen aber die Senziger Bevölkerung nicht einen Fussel zu sehen bekommen hat.
Ende Juni habe ich an Kirschmanns nach Gera geschrieben und den Brief Mitte Juli über das Hauptpost Chemnitz geleitet.
Wir bekommen immer Fleisch und Wurst zugeteilt, wenn alles schon stinkt. Im Juli sind wir wieder krank geworden. Wie wir hörten, war das Pferd schon tot, ehe es geschlachtet wurde.
Globig von der Gemeindeverwaltung war bei Henows Vieh zählen und wollte dabei gleich hamstern. Tante Marie hat aber gesagt, sie könne nicht mal ihrer Schwägerin Kartoffeln geben. Die war Anfang Juli mit dem Handwagen gemeinsam mit ihrer alten Mutter nach Klein-Eichholz gelaufen und hat sich von da glasige Schweinekartoffeln auslesen und mitnehmen dürfen.

So 1. Juli 1945

Anfang Juli 1945 waren wir bei Frau H., Chausseestraße ..., und merkten, daß sie wohl diejenige ist, die eine Arbeitslosigkeit am härtesten trifft. Sie hat auch von I. R. (im gleichen Hause wohnend) erfahren, daß deren Mann F. R. kein Amt in der Gemeindeverwaltung bekommen konnte, weil er zu dumm dazu wäre. Er hat wohl ganz gute Ideen, aber kann kaum ein Wort richtig schreiben. Da er nicht leer ausgehen sollte, meinten sie dort: "F., und deine Frau macht den Kindergarten!" Darüber haben wir uns mächtig amüsiert, ist sie doch alles andere als zärtlich und viel zu nervös. Sie selbst meint, sie würde nur die Kinder versohlen.
Ich habe mir aus noch vorhandenem Stoff einen hellblauen Strandanzug genäht, der aus Strandhose, Büstenhalter und Bolero besteht. Das alles ist mir sehr gut gelungen.
Mutti mußte als Frauenwerksmitglied Munition im Walde suchen gehen. Ich habe ihr schon vorher gesagt, sie solle kein Stück anfassen.
Mutti mußte nach Zeesen um für die Russen zu heuen. Sie hat Erbsensuppe und Brei mit lachsfarbener Soße und Kuheuter gegessen und ein Stück Brot mitbekommen...

Mo. 02. Juli 1945

Wie schon an anderer Stelle erwähnt, fuhren Mutti und Oma am 2. Juli 1945 mit dem Handwagen nach Klein-Eichholz. Morgens um 5 Uhr liefen sie los und waren abends gegen 1/2 8 Uhr zu Hause. Sie haben 3 Zentner kleine glasige Kartoffeln auslesen dürfen und brachten sie glücklich nach Hause, doch waren sie beide todmüde.
Neulich war eine Konferenz mit den Bauern. Die Bauern waren aber nicht still. Es hieß, sie verkaufen an andere Leute, sie geben nicht genug Milch ab und sie buttern für sich und können noch jede Woche Brot backen. Mutti wurde doch auch vorgeworfen, sie hole Milch von den Bauern. Sie hat Henows einen Wink gegeben. Oma Henow hat es sofort erfaßt und meinte: "Na, das heißt wohl, ihr sollt nicht mehr zu uns kommen?!"
Henows haben durch Hellwigs von der Tour nach Klein-Eichholz erfahren. Es war ihnen gar nicht recht. Mutti war gestern Kartoffeln buddeln, da erzählten sie ihr, daß jetzt auch der Glaser von der Gemeindeverwaltung bei ihnen war, um das Vieh zu zählen. Bei dieser Gelegenheit wollte er gleich hamstern. Tante Marie hat ihm aber nichts gegeben und sagte zu ihm: "Meiner Schwägerin darf ich nichts geben, da auf der Gemeinde drüber gesprochen wird, trotzdem sie hier bei uns gearbeitet hat, und ihre Kartoffeln hat sie sich von Klein-Eichholz holen müssen. Da kann ich Ihnen nichts geben." -
Gestern morgen haben wir vom Luch Holz und Reisig geholt. Ich habe auf der bei uns angrenzenden Luchwiese Blumen gepflückt. Es war wunderschön.

Fr. 06. Juli 1945

Es war so gegen Ende Mai, als dieser Film von Tante Marie gedreht wurde: Tagelang hörten wir schon von ihr, daß alte Leute zusammenrücken müßten. Eines Abends, wir saßen gerade bei unserm kärglichen Essen, ruft Tante Marie: "Oma! Hanneliese! Kommt doch mal! Hedwig kann ja auch mitkommen. Schreck in der Abendstunde!!!" Ich stürze mit Oma hinüber, während sich Mutti ziemlich unberührt im Hintergrund hielt. "Denk´ dir mal, Oma, sie wollen dir eine Familie mit 6 Kindern in deine Wohnung setzen! Herr Hoppe hat gesagt..." Uns verschlug es den Atem, doch Mutti sagte laut und bestimmt: "Komm rüber, Oma!" Sie wußte, was gespielt wurde, jedoch gaben Tante Marie und Frau H. trotz Muttis Erfassen der Situation ihre schäbige Sache nicht auf. Frau H., die sich lässig in den Sessel zurücklehnte, meinte: "Wissen Sie, Frau Lehmann, überlassen Sie mir doch Ihre Wohnung. Ich bleibe ja nicht für immer hier. Mein Vater baut ja für mich. Ich ziehe ja dann weg." Da ließ sich Mutti noch einmal hören, und wir gingen hinüber. "Wißt ihr denn gar nicht, was gespielt wird?! Die will in deine Wohnung rein! Gemeinheit so etwas! Einer alten Frau die Wohnung abprachern!" Dann ergoß sich ein Strom von Vorwürfen vom Pumpenschwengelknallen bis zum Jauchetragen für fremde Menschen, die gar nicht in unser Haus hineingehören.
Da klopfte es an unserer Tür und Frau H.s bittende Stimme ließ sich vernehmen: "Verzeihen Sie, Frau Henow; so war es doch gar nicht gemeint ..."Frau H., ich weiß ganz genau, was gespielt wird. Ich bin auch gar nicht fein darin, Ihnen zu sagen, was Sie wollen: Sie wollen Omas Wohnung haben, und das gibt es auf keinen Fall!" Einige Minuten noch setzte sich dieser Dialog fort, der dann damit schloß: "Schlafen Sie angenehm, Frau Henow." Am nächsten Morgen - ich war gerade wach geworden und lag noch im Bett - hörte ich vom Flur her Frau H.s Stimme: "Haben Sie gut geschlafen, Frau Henow? Nach dem, was gestern war, wohl kaum anzunehmen." Darauf Mutti: "Ich muß Ihnen sagen, Frau H., ich bin sehr enttäuscht!" "Aber Frau Henow, mein Ehrenwort, ich mache Ihnen da keinerlei Unannehmlichkeiten." Mutti ging der ganzen Sache noch weiter auf den Grund, fragte H. nach der Familie mit den 6 Kindern, die ja faktisch gar nicht existierte. Sie bekam aber keine Antwort. Nach mehreren Tagen hörten wir von Frau K. M., Chausseestraße 35, daß Frau H. zu ihr gesagt habe: "Die Frau Henow, die müßten Sie erst mal kennen lernen!" Mutti erzählte Frau M. den ganzen Hergang, worauf dann Frau M. sagte, was sie wußte, nämlich daß Frau H. bei uns gerne eine Wohnung haben wollte und H. ihr riet, sie solle sagen, es käme eine 8-köpfige Familie in Omas Wohnung; dann würde sie sie wohl bekommen.
Wenige Tage später kam Tante Marie ganz freudig an: "Oma, ich hab? jetzt eine Wohnung für Frau H.!" Von I. S., Gräbendorfer Straße, erfuhren wir wiederum, daß Frau H. wohl noch in ihrer Wohnung wohnen könne, doch könne sie die Miete von 100 oder 120 M nicht erschwingen, die sonst ihr Kavalier M. K., der sie auch mit Rauchwaren versorgte, bezahlte.
Wir waren noch lange aufgewühlt und konnten uns nicht beruhigen, hat doch meine Oma ihrer Schwiegertochter nie ein böses Wort gesagt und das ihrem Sohn zuliebe. Mein Onkel war vom ersten Tag an eingezogen und stand an verschiedenen Fronten, war zuletzt im Kurländer Kessel. Tag für Tag ist die Oma auf den Taubenboden gestiegen, hat ihn sauber gemacht und die Tauben gefüttert und getränkt, um ihrem Sohn das Hobby zu erhalten. Schließlich waren es immerhin über 60 Brieftauben. Der Ehefrau war das nicht zuzumuten. Die trieb sich rum, hatte einen Geliebten, einen SS-Offizier, der sich hier mal nachts abseilen mußte, um noch rechtzeitig in seine Dienststelle zu kommen. Er wurde deshalb strafversetzt nach Sternberg/Mecklenburg war er doch Familienvater von 3 Kindern. Dann fuhr sie dauernd dort hin, auch mit dem Kinderwagen, in dem das Kind ihres Ehemannes liegen sollte, vor dessen letztem Urlaub sie noch ärgerlich sagte: "Kommt der auch noch angeschissen!"
Kaum waren die Russen hier, saßen die Offiziere bei ihr am Tisch, tranken Kaffee und Wein.
Senzig bekam Elektroenergie, jedoch mußten wir unsere Sicherungen ausschrauben. Einige Tage später wurden die Sicherungen abgeholt.
Ich las die Zeitung vom 31. Mai, in der etwas über Kunst im Sowjetstaate stand. Neben den Namen russischer Schriftsteller fand man solche wie Thomas Mann, Stefan Zweig. Von den Russen waren mir eigentlich nur Leo Tolstoi und Maxim Gorki ein Begriff. Knut Hamsun soll verhaftet sein.

Do. 20. September 1945

Am 20. September 1945 hat mich Fräulein Haeder aus Zeuthen (Friesenstr. 6) kurz besucht. Wir haben bis April im Dampflok-Büro in Wildau zusammen gearbeitet.

Mi. 26. September 1945

Am 26. September 1945 wurde ich von Bürgermeister Holzer auf der Gemeindeverwaltung eingestellt. Mausi Krüger (Magdalene Krüger, Heidestraße) hat Mutti schon, als sie letztens Steuern zahlen war, erzählt, daß sie nach ihrer Hochzeit ihre Stelle aufgeben wolle und mich gern als ihre Nachfolgerin sähe. Erst war ich gar nicht davon begeistert; doch andererseits gab es monatlich 100 M und vor allem selbständiges Arbeiten. Kurzentschlossen setzte ich mich hin und schrieb meine Bewerbung. Schon abgeschickt, war das längst vergessen, als der Gemeindebote kam, Mutti ein Schreiben in die Hand drückte und sagte, sie solle sofort zur Gemeinde kommen. Erst als wir uns das Schreiben besahen, erkannten wir, daß es ja für mich bestimmt war. Ich habe Einwohnermeldeamt und Standesamt übernommen.

So. 30. September 1945

Am 30.9.1945 war ich bei Fräulein Haeder in Zeuthen. Mutti und Oma waren nach Schöneiche gefahren.

So. 21. Oktober 1945

Vor wenigen Tagen kehrte Tante Marie von ihrer Reise zurück und hat Oma von ihrem Besuch bei Rolfchen erzählt. Rolf (18 1/2 Jahre alt) war im April noch in seinem Standort Angermünde und kam in Schwedt/Oder, nicht weit von Stettin entfernt, zum Einsatz. Seine Abteilung mußte wohl überrannt worden sein, jedenfalls fand Rolf sich plötzlich ganz allein. In Erdlöchern verbarg er sich Tag und Nacht vor den Russen. Da fand sich noch ein deutscher Soldat ein, ein Lehrer, und ich glaube, er war sogar aus seiner Kompagnie. Auf den Schienen sahen sie eine Draisine. Damit fuhren die beiden nach Mecklenburg. Rolf hatte 11 Tage lang nichts gegessen, gar nichts. In dem Dorf Neu-Pastin bei Sternberg gingen sie auf einen Bauernhof und baten um etwas Essen. Auf dem Hof war wohl nur eine alte Frau. Der Bauer war auch Soldat. Und diese Frau, die Rolfchen jetzt "Oma" nennt, hat sich der beiden Soldaten so rührend angenommen und hat beiden andere Sachen (Zivilkleidung) gegeben; denn sie waren ja noch in ihrer Uniform. Der Lehrer war in der Nähe seiner Heimat und wollte Rolf mit zu seinen Eltern nehmen. Da aber die alte Frau auch eine Hilfe brauchte, blieb Rolf gleich da; denn da hatte er ja sein gutes Essen. Rolf, von Hause aus sehr verwöhnt, soll sehr fleißig geworden sein. Er mäht und pflügt und hat auch versprochen, noch bei der Frühjahrsbestellung zu helfen. Die Frau ist sehr zufrieden mit ihm. Er hat ihr ein Fleischfaß gebaut, und so geschickt. Zu dem Hof gehört auch eine Koppel mit 22 Kühen und ein paar Pferden. Rolf versorgt auch das Vieh. Er hat es dort sehr gut, kann so viel essen, wie er will und auch jeden Tag so viel Milch trinken. Sie hatten, als die Russen kamen, ihre Schweine versteckt und schlachten jetzt schwarz. Die alte Frau hat Tante Marie erzählt, daß Rolf, als er zu ihr kam, so eingefallen und schlecht aussah, daß sie dachte, er geht bestimmt drauf. Jetzt hat er sich aber wieder erholt. Einmal wurde Rolf von den Russen verschleppt, und die alte Oma Dellin hat große Angst um ihn ausgestanden. Eines Tages kamen nämlich die Russen und haben ihn einfach mitgenommen, doch nur bis in den Nachbarort. Dort mußte er ein Schwein für sie abstechen. Am nächsten Abend war er dann wieder bei Oma Dellin. Die bemuttert ihn nun sehr und hat vor einigen Wochen 3 Zentner Kartoffeln per Bahn an Tante Marie abgeschickt. Die sind aber nie angekommen.

Di. 11. Dezember 1945

Am 11. Dezember 1945 kam Onkel Paul zurück. Er erzählte, daß er mit dem letzten Schiff von Kurland abfuhr und während der Kapitulation auf hoher See war. Er, der vom ersten Kriegstag an zum Heeresdienst eingezogen war, wurde hier in Senzig von solchen Leuten angespuckt, die sich erfolgreich davor drücken konnten, eingezogen zu werden. Man legte ihm auch zur Last, daß er bereits als Halbwüchsiger im ersten Weltkrieg mit dabei war und dem "Stahlhelm" angehörte. Im ersten Weltkrieg war er Bursche und Gefechtsmelder bei Oberleutnant Bernhardt Ramcke, der im zweiten Weltkrieg General geworden ist und das Buch "Vom Schiffsjungen zum Fallschirmjäger-General" geschrieben hat und bei Kriegsende auf den Felsen vor Brest an der französischen Atlantikküste gefangen genommen wurde. Am Anfang des zweiten Weltkrieges war er auch hier im Hause und wollte Onkel Paul wieder holen. "Nischt is´", hat Tante Marie gesagt. Onkel Paul war auch schon an der Front.
Kurze Zeit, nachdem Rolf wieder zu Hause war, hatte er eine furchtbare Grippe und Blut gespuckt. Es wurde Schwindsucht festgestellt. Lange hat er im Krankenhaus in Beelitz gelegen, wo rechts und links von ihm ebenso an Tuberkulose Erkrankte hinwegstarben. Er wurde operiert. Es wurde ihm aus 2 Rippen jeweils ein Stück herausgesägt und die Kaverne durch Verkalkung verkapselt. Fortan war er Schwerbeschädigter, konnte aber seinem Beruf als Feinmechaniker nachgehen und hat bis zu seiner Berentung bei Schiffselektronik in Kablow gearbeitet und dort sogar durch Herstellung von Kugeln für die Schiffskompasse die höchste Lohngruppe erreicht, fühlte sich aber trotzdem in allen Lebensbereichen behindert.

(veröffentlicht beim Tagebuchportal "Zeitstimmen" Tagebuchlitaratur aus Brandenburg, einem gemeinsamen Vorhaben des Brandenburgischen Literaturbüros und des Kurt Tucholsky Literaturmuseums Rheinsberg. www.zeitstimmen.de)