Bericht über Heinz Droßel (*1916 - †2008)

Heinz Droßel, geb. 1916, der heute als rüstiger Pensionär in Simonswald im Schwarzwald lebt, wurde 1939, unmittelbar nach seinem Jurastudium zur Wehrmacht eingezogen. In der Schlußphase des Weltkrieges rettete er in Berlin vier Juden das Leben. In Senzig, etwa 40 Kilometer außerhalb von Berlin, wo er nach einem Lazarettaufenthalt in Travemünde seine Eltern besuchte, wurde Oberleutnant Heinz Droßel Anfang Februar 1945 mit einer ungewöhnlichen Situation konfrontiert: Eine jüdische Familie namens Hesse, die sich bis dahin erfolgreich versteckt hatte, bat den uniformierten Wehrmachtoberleutnant um Hilfe: “Herr Droßel, wir sind Juden und leben hier illegal. Wir haben einen Hinweis bekommen, daß wir verraten sind – die Gestapo kann jeden Moment hier sein. Wir wissen nicht mehr weiter.” Droßel übergab der Familie Hesse die Schlüssel seiner Wohnung in Berlin sowie eine Pistole und Munition und forderte sie ausdrücklich auf, im Falle des Eintreffens der Gestapoleute keine Hemmungen zu haben, von der Schußwaffe auch Gebrauch zu machen. Eine Stunde später tauchten die Gestapobeamten auf. Siedurchsuchten das leere Häuschen und zogen dann unverrichteter Dinge wieder ab. Anderntags begab sich Droßel nach Berlin und suchte “seine” jüdischen Flüchtlinge auf. Dem Berliner Wohnungsnachbarn, einem Kommunisten, sagte er, bei dem jungen Mann namens Günter handle es sich um einen Deserteur. Der Kommunist versprach, auf ihn aufzupassen. Daß Günter ein Jude war, mochte Droßel seinem hilfsbereiten Wohnungsnachbarn nicht anvertrauen.

Familie Hass, alias Hesse hat überlebt. Sie wanderte nach Kriegsende in die USA aus. Günter, mit vollständigem Namen Ernest Günter Fontheim, bekam eine Anstellung bei der amerikanischen Weltraumbehörde NASA und wurde ein weltbekannter Physiker. Die Geretteten ließen die Verbindung zu ihrem Retter auch in der Folgezeit nicht abreißen. Sie wurden enge Freunde. ImVorwort zu Heinz Drossels „Lebenserinnerungen“ schrieb Ernest Günter Fontheim: “Die Reaktion der drei Familienmitglieder Droßel auf unseren Hilferuf steht mir noch heute lebhaft vor Augen. Sie boten uns ihre Hilfe ohne jegliches Zögern und in der wärmsten Form an. [...] in seiner Autobiographie erwähnt Heinz Droßel nicht mit einem Wort, welches Risiko er und seine Eltern mit unserer Rettung eingingen. Ich kann heute ohne jede Einschränkung sagen, dass die selbstlose Hilfsbereitschaft der Familie Droßel für mich der freudigste Anblick in den ansonsten schwarzen Jahren des Untergrundlebens war [...]”. Fontheim war es auch, der in der nationalen Gedenkstätte des Staates Israel, in Yad Vashem, die Anregung gab, seine Retter zu ehren. Heinz Droßel ist inzwischen ein gefragter Gast in Schulen und anderen Bildungsstätten.        

(Wolfram Wette in: Freiburger Rundbrief 1/2004)


Heinz Drossel: Der stille Held, der Juden half

Auch unter Hitler war es möglich, anständig zu bleiben. Ohne zu zögern hat Heinz Drossel während der Nazizeit verfolgten Juden geholfen. Eine Würdigung zum 100. Geburtstag.

Heinz Drossel und seine Ehefrau Marianne im Mai 1946 Foto: Privat

Er ist in Südbaden kein Unbekannter. Hier verbrachte Heinz Drossel, der gebürtige Berliner, Jahrzehnte seines Lebens, erst in Freiburg, wo er als Präsident des Sozialgerichts wirkte, und dann, nach der Pensionierung, in dem Schwarzwalddorf Simonswald, wo ihn Schulkinder freundlich als "Opa Heinz" grüßten.
Drossel, der 2008 in Waldkirch starb und kommende Woche 100 Jahre alt geworden wäre, ist aber auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt: Er wurde im Jahre 2000 vom Staat Israel mit der höchsten Ehrung gewürdigt, die das Land an Nichtjuden vergibt, nämlich mit der Auszeichnung "Gerechter unter den Völkern". In Deutschland erhielt er das Bundesverdienstkreuz. In den USA wurde er mit der Raoul-Wallenberg-Medaille geehrt.
Heinz Drossel war ein ebenso bescheidener wie außergewöhnlicher Mann. In der Zeit des Zweiten Weltkrieges, als er in der Uniform der Wehrmacht Kriegsdienst leistete, hat Drossel sich dem nationalsozialistischen Zeitgeist nicht gebeugt. Stattdessen hat er – selbst unter den damaligen extremen Bedingungen von Krieg, Diktatur und staatlich verordnetem Rassenhass – immer wieder Zivilcourage gezeigt, indem er sich für verfolgte Menschen einsetzte und sie zu retten versuchte. Dazu gehörten Mut, Risikobereitschaft, Umsicht und Geschick. Seine als Buch publizierten Erinnerungen an die Zeit des Zweiten Weltkrieges versah Drossel mit dem bezeichnenden Titel "Die Zeit der Füchse" (1988, 2. Auflage 2001), womit er auf die Schläue dieser Tiere anspielte.

In Berlin rettete Heinz Drossel im März 1945 eine jüdische Familie. Diese Rettungsgeschichte trug sich folgendermaßen zu: Der zum Oberleutnant avancierte Frontsoldat Heinz Drossel weilte während eines Kurzurlaubes bei seinen Eltern in dem Dorf Senzig in der Nähe von Berlin. Sie bewohnten dort ein Häuschen in einer Laubensiedlung. Es war eine Zeit, in der die Deutschen allmählich begriffen, dass der Zweite Weltkrieg in seine Endphase eingetreten war. Die Reichshauptstadt wurde nahezu täglich von Fliegerangriffen der alliierten Luftwaffen heimgesucht. Außerhalb, an der Peripherie Berlins, war es etwas ruhiger.
Eines Abends kamen die Nachbarn zu Besuch. Es handelte sich um die Familie Hesse, bestehend aus den Eltern, der erwachsenen Tochter Margot sowie deren Freund Günter Fontheim. Ein wenig kannte Drossel die Nachbarn schon. Denn sie hatten einige Tage zuvor schon einmal seine Eltern besucht und gemeinsam mit diesen Nachrichten des britischen Rundfunksenders BBC abgehört, was damals als Hochverrat galt. Nun, bei dem neuerlichen Besuch, waren die Gäste gedrückter Stimmung.
Schließlich bat Hesse den uniformierten Wehrmachtoffizier Drossel zu einem Vieraugengespräch nach nebenan. An einem Gartentisch sitzend, eröffnete er ihm den folgenden Sachverhalt: "Herr Drossel, wir sind Juden und leben hier illegal. Unser Name ist nicht Hesse, sondern Hass. Wir haben einen Hinweis bekommen, dass wir verraten sind – die Gestapo kann jeden Moment hier sein. Wir wissen nicht mehr weiter." Drossel ging in das Haus seiner Eltern zurück und erklärte diesen die Lage.
Ohne viele Worte zu verlieren, ergriffen sie sogleich die erforderlichen Maßnahmen, um die Familie Hass in Sicherheit zu bringen. Elfriede Drossel, die Mutter des Offiziers, packte ein paar Lebensmittel zusammen. Heinz Drossel erklärte den Mitgliedern der Familie Hesse, sie sollten sofort mit dem Bus erst nach Königswusterhausen fahren und dann mit der Bahn weiter nach Berlin. Dort hatte er eine Wohnung. Er gab ihnen die Adresse und händigte ihnen seinen Wohnungsschlüssel aus. Weiterhin stattete er sie mit einer Pistole samt Munition aus, wies sie in den Gebrauch der Waffe ein und forderte sie auf, im Falle des Eintreffens der Gestapoleute keine Hemmungen zu haben, von der Schusswaffe auch Gebrauch zu machen.
Eine große Kiste, in der sich die persönlichen Papiere der jüdischen Familie befanden, musste bei der raschen Flucht zurückbleiben. Heinz Drossel transportierte die Kiste nachts auf das Grundstück seiner Eltern, wo sein Vater Paul sie später vergrub. Um vier Uhr morgens zog die jüdische Familie mit dem angenommenen Namen Hesse dann los. Eine Stunde später tauchten die Gestapo-Beamten auf. Sie durchsuchten das leere Häuschen und zogen unverrichteter Dinge wieder ab. Familie Hass lebte ein paar Tage in Drossels Berliner Stadtwohnung. Dann fanden sie ein anderes Versteck. Günter Fontheim versteckte sich bis Kriegsende in der Wohnung.

Tage später begab sich Drossel nach Berlin und suchte "seine" jüdischen Flüchtlinge auf. Er konnte sie mit der Nachricht beruhigen, dass die potentiell gefährlichen Spuren vernichtet seien. Seinem Berliner Haus-Portier, einem Kommunisten, sagte er, bei dem jungen Mann namens Günter handle es sich um einen Deserteur. Der Kommunist versprach, auf ihn aufzupassen. Dass Günter ein Jude war, mochte Drossel dem ansonsten so hilfsbereiten Portier nicht anvertrauen.

Drossel überlebte die letzten Wochen des Krieges auf abenteuerliche Weise. Auch die Familie Hass überlebte. Sie wanderte nach Kriegsende in die USA aus. Ernest Günter Fontheim heiratete die Tochter Margot Hass. Er arbeitete später bei der amerikanischen Weltraumbehörde NASA und wurde ein bekannter Physiker. Die Geretteten ließen die Verbindung zu ihrem Retter nicht abreißen. In Simonswald trafen sie sich mehrfach wieder, wurden enge Freunde.
Der 1988 in der Universitätsstadt Ann Arbor im US-amerikanischen Bundesstaat Michigan lebende Günter Fontheim war es auch, der in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem anregte, seinen Retter zu ehren. In seinem Vorwort zu Drossels "Zeit der Füchse" bedankte er sich für dessen Hilfeleistung im Frühjahr 1945 und hinterließ gleichzeitig ein Zeugnis als Geretteter: "Wir vier waren ,untergetauchte’ Juden, die dort seit Januar 1943 mit gefälschten Ausweisen unter falschem Namen lebten, um der Deportation nach Auschwitz und der dortigen Ermordung zu entgehen. Wir waren unseren Nachbarn unter unserem adoptierten Namen bekannt und verkehrten mit einigen gesellschaftlich, darunter auch Familie Drossel. Aus vielen Unterhaltungen war uns bekannt, dass alle drei Drossels kompromisslose Gegner der Nazis waren." Über die aktuelle Notlage vom März 1945 schrieb Fontheim: "Die Reaktion der drei Familienmitglieder Drossel auf unseren Hilferuf steht mir noch heute lebhaft vor Augen. Sie boten uns ihre Hilfe ohne jegliches Zögern und in der wärmsten Form an. Sie überschütteten uns mit Lebensmitteln, obwohl wir hiervon nichts erwähnt hatten, und halfen uns in jeder nur möglichen Weise. Heinz Drossel versorgte meinen zukünftigen Schwiegervater und mich mit einer Unterkunft. Außerdem retteten seine Eltern die meisten unserer wenigen noch verbliebenen Habe. In seiner Beschreibung dieser Episode in seiner Autobiographie erwähnt Heinz Drossel nicht mit einem Wort, welches Risiko er und seine Eltern mit unserer Rettung eingingen. Ich kann heute ohne jede Einschränkung sagen, dass die selbstlose Hilfsbereitschaft der Familie Drossel für mich der freudigste Augenblick in den ansonsten schwarzen Jahren des Untergrundlebens war."
Wie lässt es sich erklären, dass Heinz Drossel etwas tat, wozu sich Millionen anderer Deutscher damals nicht in der Lage sahen? Wir haben gesehen: Von der verfolgten jüdischen Familie ging ein Hilferuf aus, den Drossel und seine Eltern spontan positiv beantworteten. Das ist, wie die historische und sozialpsychologische Retterforschung ermittelt hat, ein häufig anzutreffendes Muster: Der primäre Akteur ist der Verfolgte, der um Hilfe bittet. Der oder die Angerufene steht nur vor der Situation, sich rasch zu entscheiden. Im Falle der Hilfsbereitschaft entsteht – nach den Worten des Philosophen Emmanuel Levinas – zwischen Retter und Gerettetem eine ethische Erfahrung "Von-Angesicht-zu-Angesicht". Man könnte auch sagen: Es entsteht spontan eine humane Beziehung.
Auch die Reaktion von Heinz Drossel erscheint als ein Akt spontaner Hilfsbereitschaft. Das war sie gewiss auch, aber sie hatte eine lange Vorgeschichte in der Sozialisation des Retters. Anlässlich seiner Ehrung in Berlin im Jahre 2000 machte Heinz Drossel eine Aussage, die besondere Beachtung verdient. Er erinnerte sich an sein Verhalten, als er damals, im März 1945, von dem ihm nahezu unbekannten Herrn Hass gefragt wurde, ob er ihm und seiner Familie helfen könne: "Ich habe keinen Moment gezögert." Sozialwissenschaftler und Psychologen, die sich mit den Motiven von Rettern auseinandergesetzt haben, sind sich einig darüber, dass eine solche handlungsmotivierende Humanität nicht in Sekundenschnelle entsteht, sondern dass sie in der Persönlichkeit und im Lebensstil des Retters bereits angelegt sein muss, und das heißt, dass sie zuvor durch Erziehung vermittelt worden sein muss.
Heinz Drossel ist sich dieser Zusammenhänge bewusst. Anlässlich der Entgegennahme seiner Ehrung durch Yad Vashem sagte er im Hinblick auf die Motive für seine Rettungstat: "Ich möchte meiner Eltern gedenken. Durch ihre Erziehung war es eine Selbstverständlichkeit für mich, meinen Freunden zu helfen." Bei anderer Gelegenheit erinnerte er sich an die folgende Begebenheit: Als er als Jugendlicher die Erstkommunion feierte, sagte sein Vater zu ihm: "Mein Junge, bleib immer ein anständiger Mensch, auch wenn Du mal in Schwierigkeiten kommst." Anderntags habe er sich diesen Rat des Vaters aufgeschrieben, erinnert sich Drossel, und er habe sich dann ein Leben lang an diesen Rat zu halten versucht.
Nachdem er durch seine Ehrungen in das Licht der Öffentlichkeit getreten war, ließ sich der stets zurückhaltende und bescheidene Heinz Drossel nach langem Zögern davon überzeugen, dass es wichtig wäre, wenn er jungen Menschen aus seinem Leben berichtete. Obwohl er damals bereits 84 Jahre alt war, begann er nun gleichsam ein drittes Leben als Zeitzeuge. An vielen Schulen berichtete er vor insgesamt mehr als 12 000 jungen Menschen über sein Leben in der Zeit des Nationalsozialismus und legte dadurch bei ihnen die Saat für eine nachhaltige humane Orientierung. Jetzt wurde er auch von einer größeren Öffentlichkeit wahrgenommen. Für viele seiner Zuhörer symbolisierte er den Widerstand des kleinen Mannes in der NS-Zeit. Er war der lebende Beweis für die Tatsache, dass man auch als ein Soldat in Wehrmachtsuniform "etwas machen" konnte, zum Beispiel für die verfolgten Juden.
In seiner Selbstsicht war Drossel kein heldenhafter Widerstandskämpfer, sondern ein Mann, der aufgrund seiner Erziehung so handelte, wie er gehandelt hat. Er betrachtete seine Rettungstaten, die zum Teil mit einem lebensgefährlichen Risiko verbunden waren, eher als eine Selbstverständlichkeit. Die Ehrungen, die ihm in Israel, den USA und Deutschland zuteil wurden, kommentierte er skeptisch: "Dass ich geehrt werde, weil andere nichts taten – ich weiß nicht."
Einen Menschen wie ihn hatte der deutsch-amerikanische Historiker Fritz Stern im Auge, als er sagte, in der Zeit des Nationalsozialismus habe es auch Menschen gegeben, die "aktiven Anstand" praktiziert hätten. Arno Lustiger bezeichnete die Helfer und Retter als das große moralische Kapital, das diese Menschen für die heute Lebenden hinterlassen hätten. Wir Nachgeborenen verbinden mit dem Namen von Heinz Drossel eine in die Zukunft gerichtete Botschaft: Wer sich dem Leitbild der humanen Orientierung verpflichtet weiß, kann immer Alternativen zur "Befehlslage" finden auch unter extremen Bedingungen.

Buchtipps:
Wolfram Wette (Hrsg.): Retter in Uniform. Handlungsspielräume im Vernichtungskrieg der Wehrmacht. Frankfurt/M. (Fischer-TB) , 3. Aufl. 2003.

Katharina Stegelmann: Bleib immer ein Mensch. Heinz Drossel. Ein stiller Held 1916-2008. Berlin (Aufbau) 2013.

Heinz Drossel und der Autor Wolfram Wette 2002 Foto: Bernd Fackler

(Text und Fotos aus Badische Zeitung, vom 17.09.2016, von wfrw)