◄                                             

Die Geschichten des Bauern Berthold


nach einem alten Volksbuch, bearbeitet von Fritz Ebers, in der "Königs Wusterhausener Zeitung" erschienen, aus der Sammlung der Hanneliese Henow, Senzig, frei nacherzählt von Herbert Turley, Senzig

Bauer Berthold leiht sich Geld vom Ritter Syben in Senzig

 

Bertholds kleines Häuschen in dem Ort Kablow am Krüpelsee befand sich in einem sehr schlechten Zustand. Die Dahme hatte mit ihrem erstmaligen Hochwasser im Frühjahr die flachen Grundmauern unterspült, das Strohdach war dünn geworden und ließ Regen hindurch, kurz, der arme Bauer mußte sich mit dem Gedanken anfreunden, sein Haus auszubessern. Aber dazu brauchte er Geld. Holz und Steine mußten gekauft werden und auch das Rohr zum Decken des Daches war jetzt im Sommer ein begehrter Artikel. Da es ihm schlecht ging, befand er sich also in großer Verzweifelung.

Nun trug es sich zu, dass der Bauer Berthold (er war auch noch so etwas wie ein Postbote) für den Kablower Pfarrer des öfteren Botengänge in andere Orte auszuführen hatte. Bei einem solchen Botengang kam er auch in das am Krüpelsee gegenüberliegende Senzig. Senzig gehörte damals zur Herschaft der Schenken von Landsberg. Als ihren Vertreter hatten die Schenken von Landsberg in Senzig einen Schultheiß eingesetzt. Das war so etwas wie ein Bürgermeister, Polizist, Richter und Steuerbeamter in einer Person. Der Schultheiß trug den Namen Syben und war von Kaiser Karl IV. zum Ritter geschlagen. Auch für den Ritter Syben hatte Berthold Botengänge zu anderen Orten in der Herschaft der Schenken von Landsberg ausgeführt. Darum fasste der arme Familienvater Bauer Berthold auch seinen ganzen Mut zusammen und bat den Ritter Syben um ein Darlehen von zwanzig Silbermark. Er versprach das Geld in Raten mit dem vereinbarten Zins regelmäßig an bestimmten Tagen dem Ritter Syben zurückzuzahlen. Ritter Syben händigte dem erfreuten Bauer Berthold das gewünschte Geld gegen einen Schuldschein aus. Allerdings stellte der Ritter Syben in dem Schuldschein die Bedingung, dass es sein Recht sei, dem Bauer Berthold dessen Haus und Acker fortzunehmen, falls dieser drei Tage über den festgesetzten Termin hinaus mit der Zahlung der Rate im Rückstand bliebe.  

Berthold in seiner Not stimmt den harten Bedingungen zu und ging mit den zwanzig Silbermark, welche ihm der Ritter Syben geliehen hatte, nach Hause.

Ein Jahr gelang es dem Bauer Berthold auch, die monatlichen Raten an den Ritter Syben zu zahlen. Eines Tages aber konnte er die fällige Rate nicht mehr aufbringen und auch niemand in dem ärmlichen Dorf Kablow konnte ihm helfen. Berthold wusste, daß der Senziger Schultheiß Ritter Syben unbedingt auf seinem Schuldschein bestehen würde. Daher fasste Bauer Berthold den Entschluß, nach Wendisch Wusterhausen, dem heutigen Königs Wusterhausen, zu wandern, um den Herrn des Schenkenländchens um Hilfe zu bitten. Berthold hatte schon so viel Gutes von dem Schenken von Landsberg gehört, warum sollte der nicht auch ihn einmal unterstützen. Nach Bertholds vielem Hin- und Herüberlegen war nun aber schon der dritte Tag nach dem fälligen Termin zur Zahlung der vereinbarten Rate an den Ritter Syben vergangen.

Berthold saß gerade beim Friseur in Kablow, um sich seinen Bart für die Bittfahrt zum Schenken von Landsberg schneiden zu lassen, da kam am Kablower Ufer des Krüpelsees ein gerichtlicher Bote des Ritter Syben aus Senzig an. Heftig verlangt der Bote vom Bauer Berthold die längst fällige Geldrate zu zahlen. Falls Berthold nicht zahlt sei es sein Auftrag, erklärt der Bote, soll er Berthold sein Hab und Gut wegnehmen und ihn obendrein noch in den Senziger Schuldturm einschließen. Berthold überlegt kurz und antwortet ihm dann: "Warte, ich will dich ja bezahlen!" Der Bote antwortet ihm: "Ich habe den Befehl, dich nicht gehen zu lassen, bevor ich das Geld von dir erhalten habe." Darauf fragte ihn Berthold: "Willst du warten, bis mir der Friseur den Bart vollständig abrasiert hat." "Ja, das will ich tun!", sagte der Bote. Hierauf sagte Bauer Berthold zum Friseur: "Hör sofort auf meinen Bart zu schneiden!" und, so blieb ihm der Bart stehen. Da sagte der Bote zu Berthold: "Bauer, willst du dir den Bart nicht vollständig abnehmen lassen?" "Nein," antwortete darauf der schlaue Bauer Berthold, "du hast mir zugesagt, zu warten, bis mein Bart völlig abgeschnitten ist. Darum warte, so lange du willst. Ich müsste dich ja bezahlen, wenn ich mir den Bart abnehmen ließe. Aber ich kann dich doch nicht bezahlen!" Da sah der Bote ein, dass er betrogen war und rudert wütend mit dem Boot über den Krüpelsee zurück nach Senzig, um seinem Herren Ritter Syben zu berichten.  

 

Bauer Berthold wird verurteilt, gehangen zu werden und wie er mit heiler Haut wieder davon kommt

 

Die Frau des Schenken zu Landsberg war bösartig. Deshalb war sie über den Streich, welchen Bauer Berthold dem von den Schenken eingesetzten Senziger Schultheiß Ritter Syben gespielt hatte, sehr zornig. Auch Berthold hatte eigentlich keine Lust mehr, nach Wusterhausen zu gehen. Da kamen in Kablow ein paar Reiter an und forderten Berthold im Auftrage des Schenken zu Landsberg auf, ihnen auf die Burg in Wusterhausen zu folgen. "Der Schenk braucht dringend deinen Rat!", sagten sie, und Bauer Berthold glaubte ihnen.

Aber schon unterwegs wurde ihm mitgeteilt, dass der Schenk zu Landsberg auf Drängen seiner Frau ihn zum Tode durch den Strick verurteilt hätte. Das brachte Berthold aber nicht aus dem Gleichgewicht; er hatte dem Tode schon so oft ins Auge geschaut und glaubte auch heute wieder, der Ungerechtigkeit dieses Urteils durch seinen Witz zu entgehen.

In der Burg angekommen, wurde Berthold vor den Schenken geführt, der ein schlechtes Gewissen zu haben schien und sich wegen der harten Straße sozusagen zu entschuldigen begann.

"Herr," antwortete Berthold dem Schenken, "ich sehe Eure Gründe ein. Mit seiner Frau muss man nun einmal zusammen leben, und wenn man in sie närrisch verliebt ist, tut man manchmal etwas, was nicht recht ist! Ich erinnere mich, dass ich einmal in einem Leben aus Gefälligkeit für meine Frau einer kleinen Katze unrecht getan habe, weil sie ein Pfund Butter genascht haben sollte! Dabei wog das arme Ding mit kaum ein paar Gramm. Die Schwachen müssen nun einmal unter dem Eigensinn und der Schwäche der Starken leiden. Weil ich aber nun doch aufgehangen werden soll, so bitte ich Euch nur um die Gnade, mir selbst den Baum aussuchen zu dürfen, an dem ich hängen soll. Das ist ein kleiner Trost, wenn ich wenigstenstens nach meinem Geschmack aufgeknüpft werde!"

Der Schenk, der sein rasches Urteil bereute und sich die Kritik des Bauern Berthold schon hinter die Ohren geschrieben hatte, willigte ein. Ein Hauptmann und zwei Soldaten mussten Berthold vor die Burg führen und ihm die Wahl des Baumes überlassen. Damals waren die Galgen noch nicht erfunde, man hing Verbrecher einfach an den ersten besten Baum auf.

Man kann sich leicht denken, dass Berthold an allen Bäumen, die man ihm vorschlug, etwas auszusetzen hatte. Einer war ihm zu hoch, der andere zu niedrig, an dem einen die Äste zu schwach, an dem anderen zu stark, das Grün der Eichen war ihm zu traurig, das Grün der Buchen zu munter, und so zogen Berthold und seine Begleiter einige Tage umher. Tagsüber waren sie auf den Beinen und nur mittags und abends aßen sie in den Dörfern der Umgebung, in Zeesen, Schenkendorf, Hoherlehme, Zernsdorf und Senzig. Berthold hiel seine Begleiter ständig bei guter Laune, erzählte ihnen die drolligsten Geschichten von der Welt, worüber sie nach und nach vergaßen, weswegen sie eigentlich unterwegs waren. Endlich fiel es ihnen wieder ein. Aber den Mann aufzuhängen, der ihnen so viel Spaß gemacht hatte, schien ihnen allzu unhöflich. Darum war es ihnen von Herzen eine Erleichterung, als Berthold auf den glücklichen Einfall kam, sich den Baum, an den er gehängt werden sollte, erst einmal zu pflanzen. Sie glaubten auch, dass das in der Erlaubnis des Schenk zu Landsberg enthalten war, dass Bauer Berthold sich einen Baum aussuchen dürfe. Deshalb ließen sie Berthold laufen, der sich auch schnell nach Kablow zurück begab.

 

Der Schenk von Landsberg holt Berthold zurück

 

Nicht lange nach diesen Geschehnissen machte sich die Ehefrau des Schenk zu Landsberg, welche glaubte, Berthold sei lange aufgehangen, wegen ihrer Voreiligkeit heftige Vorwürfe. Als sie aber hörte, dass Berthold noch am Leben sei, war sie ehrlich erfreut. Sie verlangte nun selbst, dass Berthold zurück zur Burg in Wusterhausen kommt. Berthold aber hatte keine Lust, in die Burg des Schenken zurückzukehren. Da der Schenk ihm aber viele Zusicherungen machte, ging er unter folgenden Bedingungen darauf ein, zur Burg zu gehen:

1. Bertholds Frau und sein Sohn sollten in Kablow bleiben, dort als Bauern weiter leben und das kleine Stück Land bebauen, dass er dort von seinen Eltern geerbt hatte,

2. wollte Berthold immer als Bauer oder wenigstens so einfach wie möglich gekleidet bleiben. Erst nach vielem Zureden war er damit einverstanden, zukünftig Kleidung ohne Flicken und Strümpfe ohne gestopfte Löcher zu tragen,

3. musste der Schenk Berthold erlauben, in einem einfachen möblierten Zimmer auf einem Strohsack zu schlafen und immer sein Brot mit Salz und Kümmel zu essen,

4. verlangte Berthold, dass alle diejenigen Frauen und Knechte, die sich an seiner Bestrafung beteiligt hatten, entlassen wurden.

Das alles wurde ihm sofort zugestanden und er zog wieder in die Burg in Wendisch Wusterhausen. Dort wurde er ein angesehener Berater des Schenken.

Aber lange genoss Berthold dieses Glück nicht. Oft musste er mit den Streitenden, unter denen er Frieden stiften sollte, Wein trinken und auch später als er es gewohnt war zu Bett gehen. Er musste sich mit Akten umgeben, anstatt auf seinen Feldern zu ackern und am seinem Haus zu basteln. Unter dieser Lebensweise litt Bertholds Gesundheit. Man gab ihm verschiedene Arzneien, Medizin und Behandlungen, die er nicht gewohnt war und an denen er dann doch eines Tages starb.

Der Schenk von Landsberg richtete ihm ein prächtiges Begräbnis aus und ließ auf Bertholds Grab einen Stein setzen, der folgende Inschrift getragen haben soll:

Ein ungestalter Bauer liegt hier begraben.

Ihm hatte die Natur statt aller anderen Gaben

Verstand allein und Witz und gutes Herz verlieh´n.

Berthold, so hieß der Mann -

der Schenk liebte ihn,

rief ihn in seine Burg, ihm stehts zu Seiten!

Es liebte ihn das ganze Schenkenland!

Er war es, der zu manchen Zeiten

die rechte Lösung fand.

Hätt´ er gewollt, so wären Schätze seine,

doch starb er dürftig! -

Ihr, die Ihr auf diesem Steine

einst dieses lest, oh´ merkt, was er euch lehrt:

Bestimmt nicht nach dem äußeren Scheine

des Menschen inneren Wert!